„Es geht um die Kraft der Bilder“
Juni 2026 | Burg Wertheim
Eingabedatum: 11.06.2026

Seit fast zehn Jahren zeigt Axel Schöber Kunst auf der Burg Wertheim. Was den Dortmunder Galeristen antreibt, die mittelalterliche Kulisse als Ausstellungsort zu nutzen, und was der dortige Kunstsommer 2026 bietet, verrät er im Interview mit Frank Lassak.
Frank Lassak: Im Kunstsommer 2026 auf Burg Wertheim verbinden Sie eine Soloausstellung von Lars Reiffers mit der Themenausstellung „Entsprungen“. Gibt es eine kuratorische Klammer zwischen den beiden Teilen, Herr Schöber?
Axel Schöber: Die Klammer ergibt sich aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Ich habe 2017 zum ersten Mal eine Ausstellung auf der Burg Wertheim gemacht. Damals war der Ansatz, meine Galeriekünstlerinnen und -künstler in Wertheim vorzustellen. Das war für den Ort durchaus ein Anspruch: Künstlerinnen und Künstler, die bereits am Markt vertreten sind oder internationale Reputation haben, bewegen sich in einer anderen Liga – auch im Preisniveau. Anfangs gab es zudem die Frage: Was macht ein Dortmunder Galerist in einer Kleinstadt wie Wertheim? Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die regionale Einbindung von Künstlerinnen und Künstlern mit dem reinen Galeriekonzept schwierig ist. Deshalb bin ich zu einem Format zurückgekehrt, das ich früher in der Galerie gepflegt habe: Themenausstellungen. Sie sind künstlerisch gefiltert und bieten vielen Kunstschaffenden einen Einstieg in eine Ausstellungsebene, die sie sonst nicht hätten. Die Kombination aus Einzelausstellung und thematischer Gruppenausstellung hat sich bewährt.
Lassak: Wie hat sich das Format Kunstsommer seither entwickelt?
Schöber: Der erste Kunstsommer fand 2017 statt: eine Einzelausstellung mit Werken von Eberhard Bitter. Insgesamt habe ich auf der Burg inzwischen 15 Ausstellungen organisiert. Meist läuft der Kunstsommer von Mai oder Juni bis September, manchmal bis Ende Oktober. Das hat auch praktische Gründe: Im Winter sind die Räume kalt, es gibt keine Heizung und kein Wasser. Denkmalschutz bedeutet eben auch: Antikglas, keine moderne Infrastruktur, schwierige Logistik. Für mich passte die Burg aber auch zu einem Konzept, das aus meiner eigenen Galeriegeschichte entstanden ist. In Dortmund musste ich zu Beginn mehrfach umziehen; die Presse nannte mich irgendwann den „Wandergaleristen“. Ich habe dann überlegt, wie ich aus diesem anscheinenden Mangel ein Konzept machen kann, und nannte es „base und orbit“: eine kleine feste Basis und dazu Ausstellungen an besonderen Orten – also Orbits. Die waren oft architektonisch geprägt: ein Rohbau, ein Architekturbüro oder eben die Burg. Die Leute lieben solche Orte. Nicht nur die Kunst zieht Besucher an, sondern auch die Atmosphäre des Raums oder Gebäudes.
Lassak: Den Künstler Lars Reiffers kennen Sie seit rund 25 Jahren. Warum widmen Sie ihm den ersten Teil des Kunstsommers 2026?
Schöber: Zum einen ist es tatsächlich eine konsequente Fortsetzung: Ich habe fast alle Künstlerinnen und Künstler meiner Galerie in Wertheim vorgestellt, Lars Reiffers aber noch nicht. Ich hatte ihn während seines Studiums kennengelernt, als er bei Hermann-Josef Kuhna in Münster Meisterschüler war. Damals malte er farbrhythmische Abstraktionen. Ausgangspunkt waren reflektierende Lichtspiele auf Fischhäuten, die er auf einem Markt in Marseille gesehen hatte. Diese Art der Malerei hat mich sofort interessiert. Unsere Zusammenarbeit war von Anfang an fruchtbar. Natürlich gab es in der Entwicklung auch Brüche. Etwa als Reiffers begann, Blumenstillleben zu malen. Mein erster Impuls war: Oh je, jetzt malt er Blumen. Heute hängt seit vielen Jahren ein großes Drei-Rosen-Arrangement bei mir im Haus, und ich liebe es. Für mich war das ein wichtiger Moment, weil ich begriffen hatte: Der Künstler probiert sich aus. Neben den Blumen entstanden Landschaften, später Unterwasserbilder, Räume, schließlich die Museumsbilder. Er folgte nicht einfach einer Marktstrategie, sondern seiner eigenen Neugier. Zugleich hat er damit ein kraftvolles malerisches Fundament aufgebaut. Diese Verbindung aus technischer Qualität, ästhetischer Freude und der Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, schätze ich an ihm sehr.
Lars Reiffers, Le Voyage, 2013, Mischtechnik, 60x90cm
Lassak: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an seiner Malerei?
Schöber: Alles, was er malt, basiert auf eigener Fotografie. Daraus entwickelt er eine sehr realistische, aber keine hyperrealistische Malerei. Auf diesen Unterschied legt er selbst großen Wert. Gerade in den Museumsbildern kommt zudem eine konzeptionelle Ebene hinzu: Welche Personen stehen vor welchem Bild? Ist eine Dreiergruppe im Raum parallel zu einer Dreiergruppe im Bild organisiert? Schaut jemand auf das Handy statt auf das Kunstwerk? Solche Fragen spielen dort mit hinein. Bei den Blumenstillleben ist es anders. Kunsthistorisch hat das Blumenstillleben eine lange Tradition, mindestens bis ins 16. und 17. Jahrhundert. Bei Reiffers tauchen aber keine Vasen, Früchte, Tücher oder klassischen Vanitas-Zeichen auf. Er arrangiert die Blumen selbst, fotografiert sie und folgt, soweit ich das sehe, vor allem ästhetischen Gesichtspunkten. Man kann sagen: Er erklärt, was er für ästhetisch wertvoll hält. Das ist ein sehr persönlicher Geschmack, aber wenn man seine Blumenstillleben über die Jahre verfolgt, erkennt man darin eine klare Linie.
Lassak: Zeigen Sie in der Ausstellung „Still Leben“ vor allem diese Blumenstillleben?
Schöber: Der Schwerpunkt liegt auf den Blumenstillleben, ja. Aber wir zeigen ein breites Spektrum seines Werks: Flowers, Spaces, Landscapes und Stills. Es werden auch Museumsbilder und Landschaftsbilder dabei sein. Mir war wichtig, ihn in der Region nicht nur als Blumenmaler oder Museumsbildermaler vorzustellen, sondern in seiner ganzen Breite.
Lassak: Mit „Entsprungen“ wechseln Sie danach in einen ganz anderen Resonanzraum: Gustave Doré, Bibeltexte, Gewalt, Hybris, Hoffnung. Warum greifen Sie diese alten Bilder und Erzählungen heute auf?
Schöber: Für mich sind diese Bilder gar nicht so alt. Oder besser: Die konkrete Beschäftigung damit ist etwa neun Jahre alt. Durch Todesfälle in der Familie erhielt ich eine zweibändige Bibelausgabe, Altes und Neues Testament, mit Illustrationen von Gustave Doré. Ich blätterte hinein und war sofort beeindruckt: von der Technik, der Dramatik und der Aussagekraft dieser Holzstiche. Da kam sehr schnell die Idee, künstlerisch etwas damit zu machen. Das ist insofern interessant, als ich selbst kein religiöser Mensch bin. Ich bin mit 14 aus der Kirche ausgetreten und würde mich heute als zwiespältigen Atheisten bezeichnen, der abends manchmal trotzdem Gott dankt, wenn alles gut gegangen ist. Aber im Prinzip bin ich Atheist und habe große Schwierigkeiten mit religiösem Fanatismus. Trotzdem haben mich diese Bilder gepackt. Professor Gerhard Kilger, der das Projekt begleitet, hat seinen Text für die Ausstellung mit „Kraft der Bilder“ überschrieben. Genau darum geht es. Hinter diesen alten Erzählungen stecken Themen, die hochaktuell sind: Macht, Gewalt, Schuld, Rettung, Hybris, Zusammenbruch, Hoffnung. Ich wollte das ursprünglich schon 2020 zum 20-jährigen Bestehen meiner Galerie machen, wusste aber lange nicht, wie ich es angehen sollte. Die Beschränkung auf die drei Themen Judith und Holofernes, Turmbau zu Babel sowie Arche Noah brachte dann die Lösung.
Gustave Doré, Der Thurmbau zu Babel 1 Mos 11-4
Lassak: Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Zumutung und Erkenntnisgewinn? Braucht Kunst heute Provokation, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen?
Schöber: Seit einiger Zeit gibt es ja die Aussage: Geld ist nicht das Wichtigste, Aufmerksamkeit ist das Wichtigste. Wenn Aufmerksamkeit da ist und der Inhalt stimmt, folgt das Geld „automatisch“. Da ist in der heutigen Zeit einiges dran. Zugleich ist aber die Beliebigkeit der Meldungen und Themen enorm gestiegen, auch durch künstliche Intelligenz und digitale Plattformen. Die Reizschwelle ist gesunken, die Schwelle für wirkliche Aufmerksamkeit aber extrem hoch geworden. Ich glaube, wir sehen Bilder von Krieg und Zerstörung inzwischen oft wie eine Bildästhetik. Menschen schauen vielleicht auf die Kameraführung, während im Bild gerade ein Haus zerbombt wird. Da stellt sich die Frage, ob Kunst überhaupt noch etwas bewirken kann. Aktionen wie die von Pussy Riot oder jüngst von Florentina Holzinger auf der Biennale in Venedig werden wahrgenommen, aber auch schnell wieder weggeschnitten oder medial verbraucht. Dennoch glaube ich, dass solche Setzungen notwendig sein können. Im Kunstmarkt gibt es für mich zwei sehr unterschiedliche Welten. Auf der einen Seite steht das Schöne: Kunst fürs Wohnzimmer, Dekoration, Freude an Kreativität, bezahlbare Arbeiten. Auf der anderen Seite stehen Preissteigerungen, Kapitalbildung und Investmentfragen. Auf der Art Karlsruhe bin ich dieses Jahr gefragt worden: Wer sind Sie als Galerie, wo waren Sie schon, welchen Investmentschutz habe ich, wenn ich dieses Bild für 15.000 Euro kaufe? Ich versuche – nach 25 Jahren Galeriearbeit – immer noch, beides zu bedienen: die Freude an der Kunst und die inhaltliche, konzeptionelle Arbeit. Manchmal macht man eine Ausstellung, bei der man weiß, dass sie wirtschaftlich kaum etwas bringt. Aber deshalb kann sie trotzdem notwendig sein.
Lassak: In den Unterlagen zum Kunstsommer stellen Sie die Frage, ob künstliche Intelligenz Gott als letzte Instanz ablöst. Wie kommen Sie auf diese zugespitzte Idee?
Schöber: Ich glaube, viele Menschen suchen eine positive Autorität. Jemand oder etwas soll sagen: Du bist auf dem richtigen Weg. Oder: Du hast etwas falsch gemacht, du musst Buße tun. Früher konnte das Gott sein, später vielleicht ein König, die Monarchie, das Geld. Auch im Kunstmarkt gibt es diesen Glauben an äußere Bestätigung: Was ist Kunst? Manche sagen dann: Kunst ist das, was sich verkauft. Heute fragen viele Menschen Google oder die KI. Das beobachte ich bei meinen Enkelinnen ebenso wie bei Freunden. Wenn sie etwas wissen wollen, fragen sie nicht mehr zuerst einen Menschen, sondern ein digitales System. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit: Als ich in die Grundschule kam, hatte ich eine Lehrerin, Frau Mann. Wenn sie etwas erklärte und meine Mutter zu Hause etwas anderes sagte, antwortete ich: Nein, Frau Mann hat gesagt, das ist so. Diese Sehnsucht nach einer klaren Instanz gibt es offenbar sehr häufig. Meine Sorge ist, dass Menschen nun zunehmend der KI folgen, weil sie von Informationen überrollt werden und weil kaum noch klar unterscheidbare Wahrheiten sichtbar sind. Zugleich sehe ich KI natürlich nicht nur negativ. Sie stellt im Prinzip alles Wissen zur Verfügung, das dokumentiert ist. Die Menschheit könnte dadurch intellektuell einen Sprung machen. Dieses Wissen wird sehr mächtig, fast allmächtig. Nur – das Transzendente geht dabei verloren.
Frank Lassak: Im Kunstsommer 2026 auf Burg Wertheim verbinden Sie eine Soloausstellung von Lars Reiffers mit der Themenausstellung „Entsprungen“. Gibt es eine kuratorische Klammer zwischen den beiden Teilen, Herr Schöber?
Axel Schöber: Die Klammer ergibt sich aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Ich habe 2017 zum ersten Mal eine Ausstellung auf der Burg Wertheim gemacht. Damals war der Ansatz, meine Galeriekünstlerinnen und -künstler in Wertheim vorzustellen. Das war für den Ort durchaus ein Anspruch: Künstlerinnen und Künstler, die bereits am Markt vertreten sind oder internationale Reputation haben, bewegen sich in einer anderen Liga – auch im Preisniveau. Anfangs gab es zudem die Frage: Was macht ein Dortmunder Galerist in einer Kleinstadt wie Wertheim? Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass die regionale Einbindung von Künstlerinnen und Künstlern mit dem reinen Galeriekonzept schwierig ist. Deshalb bin ich zu einem Format zurückgekehrt, das ich früher in der Galerie gepflegt habe: Themenausstellungen. Sie sind künstlerisch gefiltert und bieten vielen Kunstschaffenden einen Einstieg in eine Ausstellungsebene, die sie sonst nicht hätten. Die Kombination aus Einzelausstellung und thematischer Gruppenausstellung hat sich bewährt.
Lassak: Wie hat sich das Format Kunstsommer seither entwickelt?
Schöber: Der erste Kunstsommer fand 2017 statt: eine Einzelausstellung mit Werken von Eberhard Bitter. Insgesamt habe ich auf der Burg inzwischen 15 Ausstellungen organisiert. Meist läuft der Kunstsommer von Mai oder Juni bis September, manchmal bis Ende Oktober. Das hat auch praktische Gründe: Im Winter sind die Räume kalt, es gibt keine Heizung und kein Wasser. Denkmalschutz bedeutet eben auch: Antikglas, keine moderne Infrastruktur, schwierige Logistik. Für mich passte die Burg aber auch zu einem Konzept, das aus meiner eigenen Galeriegeschichte entstanden ist. In Dortmund musste ich zu Beginn mehrfach umziehen; die Presse nannte mich irgendwann den „Wandergaleristen“. Ich habe dann überlegt, wie ich aus diesem anscheinenden Mangel ein Konzept machen kann, und nannte es „base und orbit“: eine kleine feste Basis und dazu Ausstellungen an besonderen Orten – also Orbits. Die waren oft architektonisch geprägt: ein Rohbau, ein Architekturbüro oder eben die Burg. Die Leute lieben solche Orte. Nicht nur die Kunst zieht Besucher an, sondern auch die Atmosphäre des Raums oder Gebäudes.
Lassak: Den Künstler Lars Reiffers kennen Sie seit rund 25 Jahren. Warum widmen Sie ihm den ersten Teil des Kunstsommers 2026?
Schöber: Zum einen ist es tatsächlich eine konsequente Fortsetzung: Ich habe fast alle Künstlerinnen und Künstler meiner Galerie in Wertheim vorgestellt, Lars Reiffers aber noch nicht. Ich hatte ihn während seines Studiums kennengelernt, als er bei Hermann-Josef Kuhna in Münster Meisterschüler war. Damals malte er farbrhythmische Abstraktionen. Ausgangspunkt waren reflektierende Lichtspiele auf Fischhäuten, die er auf einem Markt in Marseille gesehen hatte. Diese Art der Malerei hat mich sofort interessiert. Unsere Zusammenarbeit war von Anfang an fruchtbar. Natürlich gab es in der Entwicklung auch Brüche. Etwa als Reiffers begann, Blumenstillleben zu malen. Mein erster Impuls war: Oh je, jetzt malt er Blumen. Heute hängt seit vielen Jahren ein großes Drei-Rosen-Arrangement bei mir im Haus, und ich liebe es. Für mich war das ein wichtiger Moment, weil ich begriffen hatte: Der Künstler probiert sich aus. Neben den Blumen entstanden Landschaften, später Unterwasserbilder, Räume, schließlich die Museumsbilder. Er folgte nicht einfach einer Marktstrategie, sondern seiner eigenen Neugier. Zugleich hat er damit ein kraftvolles malerisches Fundament aufgebaut. Diese Verbindung aus technischer Qualität, ästhetischer Freude und der Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, schätze ich an ihm sehr.
Lassak: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an seiner Malerei?
Schöber: Alles, was er malt, basiert auf eigener Fotografie. Daraus entwickelt er eine sehr realistische, aber keine hyperrealistische Malerei. Auf diesen Unterschied legt er selbst großen Wert. Gerade in den Museumsbildern kommt zudem eine konzeptionelle Ebene hinzu: Welche Personen stehen vor welchem Bild? Ist eine Dreiergruppe im Raum parallel zu einer Dreiergruppe im Bild organisiert? Schaut jemand auf das Handy statt auf das Kunstwerk? Solche Fragen spielen dort mit hinein. Bei den Blumenstillleben ist es anders. Kunsthistorisch hat das Blumenstillleben eine lange Tradition, mindestens bis ins 16. und 17. Jahrhundert. Bei Reiffers tauchen aber keine Vasen, Früchte, Tücher oder klassischen Vanitas-Zeichen auf. Er arrangiert die Blumen selbst, fotografiert sie und folgt, soweit ich das sehe, vor allem ästhetischen Gesichtspunkten. Man kann sagen: Er erklärt, was er für ästhetisch wertvoll hält. Das ist ein sehr persönlicher Geschmack, aber wenn man seine Blumenstillleben über die Jahre verfolgt, erkennt man darin eine klare Linie.
Lassak: Zeigen Sie in der Ausstellung „Still Leben“ vor allem diese Blumenstillleben?
Schöber: Der Schwerpunkt liegt auf den Blumenstillleben, ja. Aber wir zeigen ein breites Spektrum seines Werks: Flowers, Spaces, Landscapes und Stills. Es werden auch Museumsbilder und Landschaftsbilder dabei sein. Mir war wichtig, ihn in der Region nicht nur als Blumenmaler oder Museumsbildermaler vorzustellen, sondern in seiner ganzen Breite.
Lassak: Mit „Entsprungen“ wechseln Sie danach in einen ganz anderen Resonanzraum: Gustave Doré, Bibeltexte, Gewalt, Hybris, Hoffnung. Warum greifen Sie diese alten Bilder und Erzählungen heute auf?
Schöber: Für mich sind diese Bilder gar nicht so alt. Oder besser: Die konkrete Beschäftigung damit ist etwa neun Jahre alt. Durch Todesfälle in der Familie erhielt ich eine zweibändige Bibelausgabe, Altes und Neues Testament, mit Illustrationen von Gustave Doré. Ich blätterte hinein und war sofort beeindruckt: von der Technik, der Dramatik und der Aussagekraft dieser Holzstiche. Da kam sehr schnell die Idee, künstlerisch etwas damit zu machen. Das ist insofern interessant, als ich selbst kein religiöser Mensch bin. Ich bin mit 14 aus der Kirche ausgetreten und würde mich heute als zwiespältigen Atheisten bezeichnen, der abends manchmal trotzdem Gott dankt, wenn alles gut gegangen ist. Aber im Prinzip bin ich Atheist und habe große Schwierigkeiten mit religiösem Fanatismus. Trotzdem haben mich diese Bilder gepackt. Professor Gerhard Kilger, der das Projekt begleitet, hat seinen Text für die Ausstellung mit „Kraft der Bilder“ überschrieben. Genau darum geht es. Hinter diesen alten Erzählungen stecken Themen, die hochaktuell sind: Macht, Gewalt, Schuld, Rettung, Hybris, Zusammenbruch, Hoffnung. Ich wollte das ursprünglich schon 2020 zum 20-jährigen Bestehen meiner Galerie machen, wusste aber lange nicht, wie ich es angehen sollte. Die Beschränkung auf die drei Themen Judith und Holofernes, Turmbau zu Babel sowie Arche Noah brachte dann die Lösung.
Lassak: Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Zumutung und Erkenntnisgewinn? Braucht Kunst heute Provokation, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen?
Schöber: Seit einiger Zeit gibt es ja die Aussage: Geld ist nicht das Wichtigste, Aufmerksamkeit ist das Wichtigste. Wenn Aufmerksamkeit da ist und der Inhalt stimmt, folgt das Geld „automatisch“. Da ist in der heutigen Zeit einiges dran. Zugleich ist aber die Beliebigkeit der Meldungen und Themen enorm gestiegen, auch durch künstliche Intelligenz und digitale Plattformen. Die Reizschwelle ist gesunken, die Schwelle für wirkliche Aufmerksamkeit aber extrem hoch geworden. Ich glaube, wir sehen Bilder von Krieg und Zerstörung inzwischen oft wie eine Bildästhetik. Menschen schauen vielleicht auf die Kameraführung, während im Bild gerade ein Haus zerbombt wird. Da stellt sich die Frage, ob Kunst überhaupt noch etwas bewirken kann. Aktionen wie die von Pussy Riot oder jüngst von Florentina Holzinger auf der Biennale in Venedig werden wahrgenommen, aber auch schnell wieder weggeschnitten oder medial verbraucht. Dennoch glaube ich, dass solche Setzungen notwendig sein können. Im Kunstmarkt gibt es für mich zwei sehr unterschiedliche Welten. Auf der einen Seite steht das Schöne: Kunst fürs Wohnzimmer, Dekoration, Freude an Kreativität, bezahlbare Arbeiten. Auf der anderen Seite stehen Preissteigerungen, Kapitalbildung und Investmentfragen. Auf der Art Karlsruhe bin ich dieses Jahr gefragt worden: Wer sind Sie als Galerie, wo waren Sie schon, welchen Investmentschutz habe ich, wenn ich dieses Bild für 15.000 Euro kaufe? Ich versuche – nach 25 Jahren Galeriearbeit – immer noch, beides zu bedienen: die Freude an der Kunst und die inhaltliche, konzeptionelle Arbeit. Manchmal macht man eine Ausstellung, bei der man weiß, dass sie wirtschaftlich kaum etwas bringt. Aber deshalb kann sie trotzdem notwendig sein.
Lassak: In den Unterlagen zum Kunstsommer stellen Sie die Frage, ob künstliche Intelligenz Gott als letzte Instanz ablöst. Wie kommen Sie auf diese zugespitzte Idee?
Schöber: Ich glaube, viele Menschen suchen eine positive Autorität. Jemand oder etwas soll sagen: Du bist auf dem richtigen Weg. Oder: Du hast etwas falsch gemacht, du musst Buße tun. Früher konnte das Gott sein, später vielleicht ein König, die Monarchie, das Geld. Auch im Kunstmarkt gibt es diesen Glauben an äußere Bestätigung: Was ist Kunst? Manche sagen dann: Kunst ist das, was sich verkauft. Heute fragen viele Menschen Google oder die KI. Das beobachte ich bei meinen Enkelinnen ebenso wie bei Freunden. Wenn sie etwas wissen wollen, fragen sie nicht mehr zuerst einen Menschen, sondern ein digitales System. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit: Als ich in die Grundschule kam, hatte ich eine Lehrerin, Frau Mann. Wenn sie etwas erklärte und meine Mutter zu Hause etwas anderes sagte, antwortete ich: Nein, Frau Mann hat gesagt, das ist so. Diese Sehnsucht nach einer klaren Instanz gibt es offenbar sehr häufig. Meine Sorge ist, dass Menschen nun zunehmend der KI folgen, weil sie von Informationen überrollt werden und weil kaum noch klar unterscheidbare Wahrheiten sichtbar sind. Zugleich sehe ich KI natürlich nicht nur negativ. Sie stellt im Prinzip alles Wissen zur Verfügung, das dokumentiert ist. Die Menschheit könnte dadurch intellektuell einen Sprung machen. Dieses Wissen wird sehr mächtig, fast allmächtig. Nur – das Transzendente geht dabei verloren.
Frank Lassak









