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On Nervous Grounds. Zwischen Wahn und Wirklichkeit

09.05. - 27.09.2026 | Kunstmuseum Wolfsburg

Eingabedatum: 13.05.2026

Werkabbildung
Jürgen Klauke Eine Ewigkeit ein Lächeln, 1973-1975, 9 C-Prints, einzeln auf Aluminium kaschiert, Kunstmuseum Wolfsburg, Schenkung aus Privatbesitz, Köln 2025, © Jürgen Klauke.
In einer Welt am Kipppunkt, in der die Lust am Zerstörerischen und Destruktiven wieder ganz unverhohlen zelebriert wird, scheint die Wirklichkeit zunehmend durch den Filter der eigenen Emotionen wahrgenommen zu werden. Politische und soziale Spannungen versetzen die Menschen in eine kollektiv-nervöse und verletzliche Grundstimmung. An der Schwelle zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Selbst und äußerer Welt, erkundet die Ausstellung den Moment, in dem diese widersprüchlichen Gefühlserlebnisse entstehen. On Nervous Grounds zeigt anhand ausgewählter Werke aus der Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg, wie Kunst seit den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart hinein aufregende Resonanzräume erzeugt. Ohne die Realität interpretieren zu wollen, nähert sich die Ausstellung dem Empfinden in unserer hoch sensibilisierten Gegenwart sowie dem Ort, an dem Emotionen entstehen, an.

On Nervous Grounds zeigt anhand ausgewählter Werke aus der Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg, wie Kunst seit den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart hinein emotionale Resonanzräume erzeugt. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten, die emotionale Zustände thematisieren, diese selbst hervorrufen oder aus einer bestimmten Emotionalität heraus entstanden sind. Die Ausstellung lädt dazu ein, an uns selbst zu beobachten, was uns emotional berührt oder uns in innerliche Aufruhr versetzt. Ohne die Realität zu interpretieren, nähert sich die Ausstellung auf dieser Weise unserer hoch emotionalisierten Gegenwart an.

Mit ihrem besonderen Potenzial, existenzielle Fragen aufzuwerfen und intensive sowie außergewöhnliche Momente festzuhalten oder zu erzeugen, regen die Kunstwerke auf besondere Weise zum Nachdenken über unser eigenes gefühlsmäßiges Erleben an. Sie machen unmittelbar erfahrbar, dass Gefühle nicht rein subjektiver und neutraler Natur sind, sondern eng mit gesellschaftlichen und politischen Ordnungen sowie eigenen Wertvorstellungen, Erfahrungen und Imaginationen verknüpft sind. Die unterschiedlichen künstlerischen Strategien geben zudem Auskunft darüber, wie Emotionen gezielt hervorgerufen, gelenkt, verstärkt aber auch kontrolliert, manipuliert und unterdrückt werden können.

Die meisten Gefühle sind, laut der Soziologin Eva Illouz, ein Dialog, den wir mit der Welt führen. Doch wie lässt sich ein solcher Dialog bewusst anstoßen und ein emotionaler Zustand sichtbar machen? Der Künstler Ariel Reichman beschäftigt sich intensiv mit der Verletzlichkeit des Menschen und hat mit seiner interaktiven Lichtinstallation I AM (NOT) SAFE eine Möglichkeit gefunden, dem individuellen Empfinden Ausdruck zu verleihen.

Das Licht des sich verändernden LED-Schriftzugs verweist zugleich darauf, dass Emotionen stets flüchtig und instabil sind.
Die Künstler Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques erinnern mit ihren ausgestellten Werken daran, dass Gefühle meist sozialer Natur sind. Sie beziehen sich in der Regel auf andere Menschen oder auf das eigene Selbst und treten besonders in Zeiten existenzieller Veränderungen in besonderer Intensität in Erscheinung. Die beiden Künstler geben Einblick in den emotionalen Zustand einer jungen Generation, die sich angesichts gesellschaftlicher Militarisierung oder erlebter Perspektivlosigkeit vereinzelt und isoliert fühlt. Ihre Arbeiten machen uns zu Mitfühlenden, indem sie Empathie hervorrufen.

Nicht nur reale, sondern auch fiktive oder imaginierte Situationen können intensive Gefühle auslösen. Die fotografisch inszenierten Wirklichkeiten von Cindy Sherman und Jeff Wall sind so komponiert, dass das Unbehagen der dargestellten Szenen auf die Betrachtenden übergeht: Die stilisierten Momente, die an bekannte Filmszenen erinnern, erzeugen eine innere Unruhe. Noch mehr Raum für eigene Imagination lassen die Installationen von Rebecca Horn und Mithu Sen. Fern unseres gewohnten Erfahrungshorizonts wirken sie besonders exzessiv, theatral und zugleich sinnlich-poetisch. Dadurch erzeugen sie eine starke emotionale Spannung und machen ambivalente Empfindungen gleichzeitig erlebbar.
Emotionen sind jedoch nicht nur Ausdruck von Verletzlichkeit, sondern auch ein Weg, mit ihr umzugehen. Mit radikalen, oft ekstatischen Handlungen schaffen Künstler wie Christian Falsnaes oder Gilbert & George nicht nur verunsichernde Situationen, sondern setzen sich innerhalb ihrer Performances selbst ungewohnten Erfahrungen aus und machen sich bewusst verletzlich. Bereits vor einem halben Jahrhundert forderte Jürgen Klauke diese Verletzlichkeit heraus, indem er in seiner Kunst Genderkategorien und tradierte Vorstellungen überschreitet.

09.05.2026 - 27.09.2026

Kunstmuseum Wolfsburg

Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg

https://www.kunstmuseum.de

Presse

Kontext

Einordnung:
Die Ausstellung verortet die Kunst seit den 1970er-Jahren im diskursiven Feld der Affekttheorie, in dem subjektives Erleben und gesellschaftliche Krisen untrennbar miteinander verschmelzen. Historisch spannt sie den Bogen von der performativen Körperkunst der 1970er-Jahre, in der Akteure wie Jürgen Klauke oder Gilbert & George durch radikale Selbstaussetzung tradierte Geschlechter- und Sozialnormen dekonstruieren, bis hin zu den physisch-theatralen Installationen von Rebecca Horn und Mithu Sen. Einen weiteren Paradigmenwechsel markiert die postmoderne, inszenierte Fotografie: Cindy Sherman und Jeff Wall nutzen cineastische Bildsprachen, um durch fiktive Narrative psychologische Unruhe zu erzeugen und die Konstruiertheit von Realität zu entlarven. Zeitgenössische Positionen wie Ariel Reichmans textbasierte Lichtkunst oder die sozialdokumentarischen Ansätze von Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques überführen diese Traditionen in unsere Gegenwart. Technisch und medial grenzüberschreitend, illustrieren die Werke einen übergeordneten kunsthistorischen Wandel: Weg von der rein formal-objektiven Ästhetik hin zu einer relationalen Kunst, die das Individuum als vulnerablen, politisch aufgeladenen Resonanzraum begreift.
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