Deutscher Pavillon auf der Biennale Arte 2026 eröffnet
Mai 25 | Venedig
Eingabedatum: 07.05.2026

Der Deutsche Pavillon auf der 61. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia präsentiert Ruin, eine Ausstellung von Henrike Naumann und Sung Tieu, kuratiert von Kathleen Reinhardt. Das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen ist als Kommissar für den deutschen Beitrag verantwortlich.
Mit Ruin wird der Deutsche Pavillon zu einem Raum, in dem sich physische und soziale Strukturen, deutsche Ideologien und gelebte Biografien materiell überlagern. Mit einem Formenvokabular, das von minimalistischer Klarheit bis zu maximalistischer Opulenz reicht, setzen sich Sung Tieu und Henrike Naumann aktiv mit der Architektur des Pavillons auseinander und nutzen diesen als ambivalenten Spiegel für zeitgenössische gesellschaftliche Dynamiken. Der Begriff „Ruin“ beschreibt nicht nur den Verfall physischer Strukturen, „Ruin“ verweist auch auf den Bankrott – sei es finanziell, politisch oder moralisch. Räume der ostdeutschen Geschichte – der verschwundene DDR-Pavillon, der zerstörte Palast der Republik, das brennende Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, wo 1992 ein Pogrom gegen Asylsuchende, ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter:innen der DDR und andere migrantische Gemeinschaften ohne staatliches Einschreiben verübt worden ist – dienen als kuratorische Blaupausen, um zu erfassen, wie historische Leerstellen gebrochene Zeitlichkeiten schaffen, die durch künstlerische Vorstellungskraft neu besetzt und gestaltet werden können. Die im Pavillon präsentierten Arbeiten sprechen keine Vergangenheit an, die vergangen ist, sondern eine, die heute vielleicht noch gegenwärtiger und greifbarer ist.
Sung Tieu verleiht dem Deutschen Pavillon, geprägt durch den nationalsozialistischen Umbau im Jahr 1938, eine neue Fassade in Form eines Trompe-l’œil-Mosaiks. Dieses zeigt die Überreste eines Plattenbaukomplexes in der Gehrenseestraße in Ostberlin – einst das Zuhause der Künstlerin und zugleich eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter:innen in der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde der Komplex von verschiedenen migrantischen Gemeinschaften weiterbewohnt, geriet anschließend in den Sog spekulativer Verwertung auf dem Immobilienmarkt und wird momentan abgerissen. Über drei Millionen Mosaiksteine aus Marmor bilden die Oberfläche und die Erscheinung eines Gebäudes nach, das einst paradigmatisch für den sozialistisch-egalitären Wohnungsbau stand. Zwischen Illusion und Realität oszillierend, verschränkt Tieu private Erinnerung mit architektonischer Repräsentation und unterläuft so dominante historische Narrative. Zugleich legt das Werk historische Kontinuitäten der administrativen Disziplinierung, Überwachung und Marginalisierung frei, die unterschiedliche politische Systeme überdauern. Der Titel Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde Des Menschen Ist Unantastbar) verweist auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes und überführt dessen Anspruch in ein architektonisches Spannungsfeld. Auf die faschistische Architektur des Pavillons bezogen, erzeugt die Plattenbau-Fassade eine dissonante Überlagerung, in der zwei scheinbar unvereinbare Repräsentationssysteme aufeinandertreffen. Zugleich kennzeichnet das Werk eine Schönheit und Sehnsucht, welche die Verflechtung der Architektur mit Machtstrukturen untergräbt. In den Seitenflügeln des Pavillons erweitert Sung Tieu diese Untersuchung durch Werkgruppen, die ihrer Mutter gewidmet sind. Ihre Lebens- und Arbeitserfahrung wird sowohl materiell konkret als auch strukturell verhandelt und als Teil jener Systeme lesbar, die Körper formen, regulieren und vermessen.
Henrike Naumann reflektiert mit Innenarchitektur über gesellschaftspolitische Themen und untersucht die Spannung zwischen entgegengesetzten politischen Meinungen in Bezug auf Geschmack und Alltagsästhetik. Ihre immersive Installation aus Readymade-Objekten im Hauptraum des Pavillons verbindet Bezüge zur Nachkriegszeit in Ost- und Westdeutschland zu einer „archäologischen Vorgeschichte der Gegenwart“, in der Ostdeutschland zu einer Art Inneren Front wird – einer Grenze, die nicht verschwindet. Indem sie mit den materiellen Versatzstücken einer Vergangenheit arbeitet, die nicht vergehen will, gewährt Naumann einen Blick in eine Zukunft, die schneller als erwartet zur gegenwärtigen Realität werden kann. Die Objekte sind vor einem mintgrünen Hintergrund platziert, der an die Wandfarbe ehemaliger sowjetischer Kasernen in der DDR erinnert, während ein Relief aus Stühlen als Chronologie der deutschen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts fungiert und Vorhangreihen ein zentrales künstlerisches Thema vertiefen: Heimeligkeit als parallel existierender emotionaler Raum. Inspiriert von traditionellen erzgebirgischen Dioramen von Bauernstuben, zeigt ein großer Reliefrahmen eine Einrichtung im Stil des Neuen Deutschen Designs. Dem gegenüber steht eine gepolsterte und möblierte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes, welche das Motiv des Werks Die Mechanisierung der Landwirtschaft (1960/61) zitiert, das Naumanns Großvater, der Künstler Karl Heinz Jakob, geschaffen hat. Ein zentraler Vorhang bestehend aus Kettenhemden verweist auf ein Innehalten der Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Kalten Krieg: eine Re-militarisierung nach der Demilitarisierung – und die Erwartung eines bevorstehenden Kriegs.
Während Henrike Naumann unsere unmittelbare Zukunft durch ihren Einsatz historischer Spuren und Materialien neu interpretiert, nähert sich Sung Tieu figurativen Formen und konzeptueller Abstraktion als reflexiven, nicht gegensätzlichen Medien, um Narrative rund um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Begehren und Ablehnung zu schaffen.
Gemeinsam verwandeln die Interventionen von Henrike Naumann und Sung Tieu die Architektur und die historischen Resonanzen des Deutschen Pavillons in Orte von künstlerischer Reflexion und Widerstand – wobei sie „Ruin“ nicht als Substantiv, sondern als Verb verstehen und damit auf die fortlaufenden Prozesse der Zerstörung verweisen, die durch aktuelle politische Bestrebungen ausgelöst werden, die versuchen, Geschichtsschreibungen von den Rändern aus zum Schweigen zu bringen.
Die Giardini, insbesondere der Deutsche Pavillon, wirken als politische Topografie, in der die Präsentation und Interpretation von Kunst die historischen und zeitgenössischen Überschneidungen von Geschichte, Politik und gesellschaftlichen Werten offenlegen. Mit ihren sich überlagernden formalen, politischen, sozialen und historischen Implikationen stimmen die Werke von Sung Tieu und Henrike Naumann in „Moll-Tonart“ in den Refrain der diesjährigen Hauptausstellung der Biennale ein und regen uns an, Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch zu verstehen, Gegensätzen Raum zu geben und widerständig in ihnen zu agieren.
Programm
Die Performance TRÜMMERFRAU der venezianischen Vertikaltanzgruppe Il Posto eröffnet die Installation von Henrike Naumann und begleitet sie über die Dauer der Biennale an bestimmten Tagen. Erste Termine sind am 7. Mai und 9. Mai, am 12. September und 21. November. Weitere Termine folgen. Informationen dazu finden Sie auf der Website des Deutschen Pavillons.
Im November ist die letzte Woche der Ausstellung diskursiven Veranstaltungen in Venedig vorbehalten, die den Werken beider Künstlerinnen gewidmet sind und in Zusammenarbeit mit Eva Bentcheva (Technische Universität Dresden) und Matteo Bertelé (Universität Ca’ Foscari Venedig) organisiert werden.
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Die 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia läuft vom 9. Mai bis 22. November 2026. Alle Informationen zur Planung Ihres Besuchs in dieser Zeit sowie zum Ticket-Vorverkauf finden Sie hier:www.labiennale.org
Mit Ruin wird der Deutsche Pavillon zu einem Raum, in dem sich physische und soziale Strukturen, deutsche Ideologien und gelebte Biografien materiell überlagern. Mit einem Formenvokabular, das von minimalistischer Klarheit bis zu maximalistischer Opulenz reicht, setzen sich Sung Tieu und Henrike Naumann aktiv mit der Architektur des Pavillons auseinander und nutzen diesen als ambivalenten Spiegel für zeitgenössische gesellschaftliche Dynamiken. Der Begriff „Ruin“ beschreibt nicht nur den Verfall physischer Strukturen, „Ruin“ verweist auch auf den Bankrott – sei es finanziell, politisch oder moralisch. Räume der ostdeutschen Geschichte – der verschwundene DDR-Pavillon, der zerstörte Palast der Republik, das brennende Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, wo 1992 ein Pogrom gegen Asylsuchende, ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter:innen der DDR und andere migrantische Gemeinschaften ohne staatliches Einschreiben verübt worden ist – dienen als kuratorische Blaupausen, um zu erfassen, wie historische Leerstellen gebrochene Zeitlichkeiten schaffen, die durch künstlerische Vorstellungskraft neu besetzt und gestaltet werden können. Die im Pavillon präsentierten Arbeiten sprechen keine Vergangenheit an, die vergangen ist, sondern eine, die heute vielleicht noch gegenwärtiger und greifbarer ist.
Sung Tieu verleiht dem Deutschen Pavillon, geprägt durch den nationalsozialistischen Umbau im Jahr 1938, eine neue Fassade in Form eines Trompe-l’œil-Mosaiks. Dieses zeigt die Überreste eines Plattenbaukomplexes in der Gehrenseestraße in Ostberlin – einst das Zuhause der Künstlerin und zugleich eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter:innen in der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde der Komplex von verschiedenen migrantischen Gemeinschaften weiterbewohnt, geriet anschließend in den Sog spekulativer Verwertung auf dem Immobilienmarkt und wird momentan abgerissen. Über drei Millionen Mosaiksteine aus Marmor bilden die Oberfläche und die Erscheinung eines Gebäudes nach, das einst paradigmatisch für den sozialistisch-egalitären Wohnungsbau stand. Zwischen Illusion und Realität oszillierend, verschränkt Tieu private Erinnerung mit architektonischer Repräsentation und unterläuft so dominante historische Narrative. Zugleich legt das Werk historische Kontinuitäten der administrativen Disziplinierung, Überwachung und Marginalisierung frei, die unterschiedliche politische Systeme überdauern. Der Titel Human Dignity Shall Be Inviolable (Die Würde Des Menschen Ist Unantastbar) verweist auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes und überführt dessen Anspruch in ein architektonisches Spannungsfeld. Auf die faschistische Architektur des Pavillons bezogen, erzeugt die Plattenbau-Fassade eine dissonante Überlagerung, in der zwei scheinbar unvereinbare Repräsentationssysteme aufeinandertreffen. Zugleich kennzeichnet das Werk eine Schönheit und Sehnsucht, welche die Verflechtung der Architektur mit Machtstrukturen untergräbt. In den Seitenflügeln des Pavillons erweitert Sung Tieu diese Untersuchung durch Werkgruppen, die ihrer Mutter gewidmet sind. Ihre Lebens- und Arbeitserfahrung wird sowohl materiell konkret als auch strukturell verhandelt und als Teil jener Systeme lesbar, die Körper formen, regulieren und vermessen.
Henrike Naumann reflektiert mit Innenarchitektur über gesellschaftspolitische Themen und untersucht die Spannung zwischen entgegengesetzten politischen Meinungen in Bezug auf Geschmack und Alltagsästhetik. Ihre immersive Installation aus Readymade-Objekten im Hauptraum des Pavillons verbindet Bezüge zur Nachkriegszeit in Ost- und Westdeutschland zu einer „archäologischen Vorgeschichte der Gegenwart“, in der Ostdeutschland zu einer Art Inneren Front wird – einer Grenze, die nicht verschwindet. Indem sie mit den materiellen Versatzstücken einer Vergangenheit arbeitet, die nicht vergehen will, gewährt Naumann einen Blick in eine Zukunft, die schneller als erwartet zur gegenwärtigen Realität werden kann. Die Objekte sind vor einem mintgrünen Hintergrund platziert, der an die Wandfarbe ehemaliger sowjetischer Kasernen in der DDR erinnert, während ein Relief aus Stühlen als Chronologie der deutschen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts fungiert und Vorhangreihen ein zentrales künstlerisches Thema vertiefen: Heimeligkeit als parallel existierender emotionaler Raum. Inspiriert von traditionellen erzgebirgischen Dioramen von Bauernstuben, zeigt ein großer Reliefrahmen eine Einrichtung im Stil des Neuen Deutschen Designs. Dem gegenüber steht eine gepolsterte und möblierte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes, welche das Motiv des Werks Die Mechanisierung der Landwirtschaft (1960/61) zitiert, das Naumanns Großvater, der Künstler Karl Heinz Jakob, geschaffen hat. Ein zentraler Vorhang bestehend aus Kettenhemden verweist auf ein Innehalten der Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Kalten Krieg: eine Re-militarisierung nach der Demilitarisierung – und die Erwartung eines bevorstehenden Kriegs.
Während Henrike Naumann unsere unmittelbare Zukunft durch ihren Einsatz historischer Spuren und Materialien neu interpretiert, nähert sich Sung Tieu figurativen Formen und konzeptueller Abstraktion als reflexiven, nicht gegensätzlichen Medien, um Narrative rund um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Begehren und Ablehnung zu schaffen.
Gemeinsam verwandeln die Interventionen von Henrike Naumann und Sung Tieu die Architektur und die historischen Resonanzen des Deutschen Pavillons in Orte von künstlerischer Reflexion und Widerstand – wobei sie „Ruin“ nicht als Substantiv, sondern als Verb verstehen und damit auf die fortlaufenden Prozesse der Zerstörung verweisen, die durch aktuelle politische Bestrebungen ausgelöst werden, die versuchen, Geschichtsschreibungen von den Rändern aus zum Schweigen zu bringen.
Die Giardini, insbesondere der Deutsche Pavillon, wirken als politische Topografie, in der die Präsentation und Interpretation von Kunst die historischen und zeitgenössischen Überschneidungen von Geschichte, Politik und gesellschaftlichen Werten offenlegen. Mit ihren sich überlagernden formalen, politischen, sozialen und historischen Implikationen stimmen die Werke von Sung Tieu und Henrike Naumann in „Moll-Tonart“ in den Refrain der diesjährigen Hauptausstellung der Biennale ein und regen uns an, Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch zu verstehen, Gegensätzen Raum zu geben und widerständig in ihnen zu agieren.
Programm
Die Performance TRÜMMERFRAU der venezianischen Vertikaltanzgruppe Il Posto eröffnet die Installation von Henrike Naumann und begleitet sie über die Dauer der Biennale an bestimmten Tagen. Erste Termine sind am 7. Mai und 9. Mai, am 12. September und 21. November. Weitere Termine folgen. Informationen dazu finden Sie auf der Website des Deutschen Pavillons.
Im November ist die letzte Woche der Ausstellung diskursiven Veranstaltungen in Venedig vorbehalten, die den Werken beider Künstlerinnen gewidmet sind und in Zusammenarbeit mit Eva Bentcheva (Technische Universität Dresden) und Matteo Bertelé (Universität Ca’ Foscari Venedig) organisiert werden.
...
Die 61. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia läuft vom 9. Mai bis 22. November 2026. Alle Informationen zur Planung Ihres Besuchs in dieser Zeit sowie zum Ticket-Vorverkauf finden Sie hier:www.labiennale.org
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