Spezial: Zwischen Hühnerfarmen und Autogaragen. New Yorks neues SoHo.


Eingabedatum: 09.08.2011

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Bushwick ist ein Stadtteil in Brooklyn, in den sich der durchschnittliche New York-Tourist wohl eher selten verirrt. Das Viertel östlich vom hippen Williamsburg ist vor allem durch Autowerkstätten, leer stehende Industriegebäude und trostlose Straßen geprägt. In manchen Hinterhöfen trifft man sogar auf alternative Hühnerfarmen, die dem Viertel beinahe einen landwirtschaftlichen Charme verleihen. Was sich hier zwischen Fabrikruinen und Federvieh auftut, könnte nicht weiter entfernt sein vom schillernden Bild, das die Kunstmetropole gerne von sich entwirft. Und doch: wer hier einen Blick hinter die Kulissen wagt, findet sich schnell im wahren kreativen Zentrum der ´Welthauptstadt` wieder.

Im Gespräch mit den Bewohnern des Viertels, wird mir schnell klar, dass jeder zweite in irgendeiner Form “Kunst” macht. Billige Mieten und verfügbare Ateliers waren die Gründe, warum seit Jahren immer mehr Künstler aus dem überteuerten Manhattan zunächst nach Williamsburg und dann weiter nach Bushwick zogen, wo sie heute - gleich nach der puertoricanischen Einwanderer-Gemeinde - wohl die zweitgrößte Bevölkerungsschicht bilden. Viele vergleichen das heutige Bushwick mit Vierteln wie SoHo oder dem East Village, wo Künstler einst auf ähnliche Weise in damals brachliegende Industriegebiete investierten und selbstorganisierte Kunsträume gründeten. Was SoHo in den 60ern, das East Village in den 80ern und Williamsburg in den 90ern, bzw. frühen 2000ern war, das findet man heute in Bushwick.

Seit 2007 entstanden hier die ersten alternativen Ausstellungs- und Performance-Räume, die häufig von den Künstlern selbst kuratiert werden. Kurz nach den Pionieren “Pocket Utopia”, “English Kills” oder “Grace Exhibition Space”, eröffneten die Künstler Ali Ha und Ad Deville im Jahr 2008 ihre Galerie “Factory Fresh”, die zuvor in Manhattans Lower East Side beheimatet war. Als eine der ersten Street Art Galerien in NYC, wollen sie vor allem den neuesten Trends auf der Straße nachspüren und ein Zentrum für gegenwärtige urbane Kultur schaffen. Ganz nach dem Motto “die Straße als Galerie und die Galerie auf der Straße” werden daher nicht nur die Innenräume mit Kunstwerken bestückt, sondern auch die Außenwände als wechselnde Graffiti-Ausstellungen kuratiert. Dass das verwesende Tier von ROA dabei an die Ratten erinnert, die nebenan in den Müllhalden lauern, trägt wohl zum selbstironischen Ghetto-Flair der Galerie bei. Ein paar Straßen weiter hat Ad Deville (einer der “Factory Fresh”-Gründer und als Street Artist unter dem Pseudonym “Skewville” bekannt) ein rechteckiges Gebäude in einen überdimensionalen Ghettoblaster umfunktioniert und damit ein passendes Denkmal für diesen neuen “Bklyn”-Beat geschaffen.

Wer in den Bushwick Galerien jedoch nur subkulturellen Straßenchic erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Denn wenn es eines gibt, das in dieser entstehenden Kunstszene einzigartig ist, dann ist es die kreative Vielfältigkeit. Von Ali Ha werde ich zu Paul D’Agostino weitergeleitet, der mit seiner Apartment-Galerie “Centotto” seit 2008 ein Zentrum intellektueller Kunst-Konversationen geschaffen hat. Wie schon in den Salons des 19. Jahrhunderts, zeigt der Künstler und Literatur-Professor zwischen Küche und Schlafzimmer originell kuratierte Gruppenausstellungen. Texte rahmen dabei nicht nur in Form von Bücherregalen die Wände des kleinen Wohnzimmers, sondern dienen auch häufig als Ausgangspunkt für die Präsentationen. D´Agostino wählt Romanfragmente oder Kurzgeschichten als “Leseaufgabe” für die Künstler aus, die diese anhand von Kunstwerken und eigenen Texten reflektieren - oder dekonstruieren. Auch sperrige Materialbeschreibungen, fotografische Dokumentationen und Notizen bilden Teil der Ausstellungen, die stets als persönliche Gespräche aufgefasst werden. Gespräche, die man sich - mit einem Blick auf die halbleeren Whiskeyflaschen auf dem großen Holztisch - besonders lebendig vorstellen kann. “Insbesondere im vergangenen Jahr”, so D´Agostino, “hat sich in Bushwick ein sehr enges Netz aus befreundeten Künstlern und Kuratoren gebildet. Dabei schätze ich vor allem die freundschaftliche und nicht-konkurrierende Art in der die Leute hier zusammenarbeiten - oder einfach ein paar Drinks miteinander teilen.”

Orte wie “Centotto” haben der Bushwick Kunstszene den allgegenwärtigen Stempel “DIY” (Do-it-yourself) aufgedrückt. Ein Label, das die Eigeninitiative der Künstler zwar gut beschreibt, gleichzeitig jedoch einen Anschein von Unprofessionalität mit sich führt. “Natürlich machen wir ‘Dinge selbst’”, sagt D´Agostino, “aber DIY suggeriert dabei etwas Amateurhaftes, das eher an Gebrauchsanweisungen aus dem Internet erinnert. Ich sehe die Szene wesentlich professioneller als das.”

Lesen Sie hier die Fortsetzung Teil 2

Factory Fresh, factoryfresh.net
Microscope Gallery, microscopegallery.com
Centotto, centotto.com
Storefront Gallery: storefrontbk.com
Regina Rex: reginarex.org
Rooftopdance: rooftopdance.com

Eine Karte mit einer Übersicht aller Galerien in Bushwick findet man hier: bushwickbk.com

Verena Straub












Weiteres zum Thema: Bushwick



"Every outside surface is a fair game..." - >Brooklyn Street Art< (Buchbesprechung)


Sie machen Jagd auf freie Wandflächen, Verkehrsschilder, Ampeln, Stromkästen, Türnischen und Häuserecken. Sie nutzen die ganze Stadt als Leinwand und verwenden Fotokopien, Schablonen, Aufkleber, Plakate, Sprühdosen oder Möbelreste. Wenn sie nachts durch die Straßen ziehen, schmücken sie sie mit ihren bissigen Kommentaren zur Politik, pointierten, ortsbezogenen Bildwitzen oder einfach nur schrillen Figuren und Schriftzügen. Man liebt sie oder haßt sie, achtet sie als Künstler der Subkultur, die den grauen urbanen Alltag versüßen oder verachtet sie als Vandalen, die den öffentlichen Raum mit ihren Bildfindungen verschmutzen. Vor allem in lebhaften und im Wandel begriffenen Städten fühlen sie sich zu Hause: die Street Art Künstler.

Nach den bereits veröffentlichen Street- Art- Büchern >Berlin Street Art< und >London Street-Art<, stellt Prestel mit >Brookly Street Art< nun die Street-Art aus den aktuellen New Yorker Künstlervierteln in Brooklyn vor. Dazu zählen Williamsburg, Greenpoint, Bushwick, DUMBO und Red Hook. Laut Beschreibung des freien Photographen und Innenarchitekten, Jaime Rojo, der die Photographien zum 112 Seiten starken Bildband beigesteuert hatte, wimmelt es in diesen Bezirken nur so von kreativen Freigeistern. Als Gegenpol zum immer geschäftiger und hochpolierter werdenden Manhattan, hat sich in den ehemaligen Industriegegenden auf der anderen Seite des East River eine lebhafte Street-Art-Szene herausgebildet. Anhand der 150 Farbabbildungen soll das eigentlich Ephemere für die Ewigkeit auf Papier gebannt werden. Das Buch versteht sich als Hommage an eine Szene, deren Künstler meist anonym oder unter Pseudonym arbeiten und sich, von Ausnahmen wie dem Briten Banksy einmal abgesehen, zumeist außerhalb des musealen Kontextes und Kunstmarktes bewegen.

In dem handlichen Hardcover versucht Rojo seine Street-Art-Photos zu Themenkomplexen oder Motivgruppen wie z.B. Portraits, Waffen und Bewaffnete, Blumen oder Totenköpfe zusammenzufassen und ergänzt die Abbildungen durch eine Künstlerliste und zwei kurze englischsprachige Texte. Die Prestel-Veröffentlichung ist ein schönes, unterhaltsames Bilderbuch, das es vermag, für kurze Zeit etwas Brooklyner Street-Art-Flair ins eigene Wohnzimmer zu zaubern: "Catch it while you can, appreciate its message in the moment of discovery, a fleeting moment. The artwork, like the neighborhood, may be overtaken. But for the lucky one who discovers it, it is a reminder that in this town, anything is still possible." (Jaime Rojo und Steve P. Harrington).

Jaime Rojo: >Brooklyn Street Art<, Hrsg. Steven P. Harrington
112 Seiten, engl. Text, 150 Farbabbildungen, gebunden
Prestel Verlag, München 2008

ISBN: 978-3-7913-3963-4
14,95 EUR / 27,50 sFr

New. New York


Im Fokus der Ausstellung im Essl Museum steht derzeit die Stadt New York, die oft als Welthauptstadt der Gegenwartskunst bezeichnet wird. "New. New York" bietet einen Einblick in das Schaffen von 19 jüngeren Künstlerinnen und Künstlern aus dem New Yorker Stadtteil Bushwick/Brooklyn, in dem sich in den letzten Jahren eine vibrierende junge Kunstszene mit zahlreichen Ateliers, Kulturinitiativen und alternativen Kunsträume entwickelt hat. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit das dortige Kunstgeschehen auch heute noch internationale Maßstäbe setzt und wie sich die Produktionsbedingungen für junge Künstler verändert haben.
Die gezeigten Künstlerinnen und Künstler befinden sich in verschiedenen Stadien ihrer Karriere. Gemeinsam ist ihnen, dass sie bekannte Materialien und Medien - wie Malerei, Fotografe, Skulptur - in oft überraschender Form für ihre Werke einsetzen und dadurch etwas Neues schaffen. Indem sie beispielsweise erfrischend Materialien wie Beton und Fotografie kombinieren, grenzen sie sich vom tradierten Kunstkanon ab und entwickeln ihre eigenen künstlerischen Ausdrucksformen. Sie lösen bestehende Kunstgenres auf, weisen Material ungewohnte Funkionen und Bedeutungen zu und lassen alte Technologien wieder aufleben, ohne dies je zum Programm zu erheben.

Die New Yorker Kunstwelt war seit jeher wegweisend für das weltweite Kunstgeschehen, insbesondere in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, begonnen beim abstrakten Expressionismus über Minimalismus, Konzeptkunst, Land Art, Pop Art, Video- und Performancekunst. Auch heute ist die kulturelle und intellektuelle Vielfalt in New York immer noch höher als in jeder anderen Stadt.
New York hat zudem auch eine besondere Bedeutung für das Essl Museum. Denn in jener Stadt haben sich das Sammlerpaar Agnes und Karlheinz Essl im Jahr 1959 kennengelernt und ihre ungebrochene Leidenschaft für zeitgenössische Kunst entdeckt. In der Sammlung Essl finden sich daher zahlreiche New York-Bezüge, wie etwa Werke von Alex Katz, dem noch bis 6. Januar 2013 eine Ausstellung im Essl Museum gewidmet ist.

Mit "New. New York" legen die Sammler den Fokus auf das junge Kunstschaffen und präsentieren die aktuellen Entwicklungen in der fruchtbaren New Yorker Kunstszene des 21. Jahrhunderts.
Die Ausstellung findet im Rahmen der Reihe „emerging artists“ statt, in welcher das Essl Museum alle zwei Jahre junges Kunstschaffen aus unterschiedlichen Weltregionen vorstellt.

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung:
Jude Broughan, Vince Contarino, Brent Everett Dickinson, Rob Fischer, Ryan Ford, Egan Frantz, Rico Gatson, Robin Kang, Steven and William Ladd, Sarah Lee, Christopher McDonald, Ann Pibal, Lisa Sigal, Shelly Silver, Reid Strelow, Siebren Versteeg, Letha Wilson, Tamara Zahaykevich


Öffnungszeiten: DI – SO 10.00 – 18.00 Uhr, MI 10.00 – 21.00 Uhr

ESSL MUSEUM – Kunst der Gegenwart
An der Donau-Au 1, A-3400 Klosterneuburg / Wien
www.essl.museum