Beitrag Kultur-Kanal: Saatchi - Mäzen mit Weitblick oder schlichter Werbeprofi?


Eingabedatum: 11.02.2005


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Irgendwie scheint es bezeichnend zu sein, dass sich PR-Millionär Saatchi zur Eröffnung seiner neuen Ausstellungsreihe "Triumph der Malerei" mit Hermann Nitsch einen Vertreter des Wiener Aktionismus ins Haus geholt hat. Dessen blutgetränkte "Schüttbilder", vormals als medienwirksame Provokation angelegt, reihen sich mittlerweile ins klassische statt ins provokative Genre ein. So verpufft dieser von Saatchi ausgelobte "shock value" ähnlich wie das Ansehen seiner Galerie in letzter Zeit - die Jubiläumsfeier zum 20-jährigen Bestehen seiner Galerie musste demnach auch ganz ohne den Kunstmäzen auskommen, Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur ließen sich nur wenige blicken.
Nun soll also mit seiner Ausstellungsreihe "Triumph der Malerei" wieder dort begonnen werden, wo man sich - nach dem PR-Gewitter bezüglich der "Brit Art" - langsam wieder auf dem Kunstmarkt zu konsolidieren begann.
So wird gemäß seinem Trendsetter-Ruf - der wohl vielmehr aus werbewirksamen Maßnahmen denn aus kulturellem Weitblick hervorgeht - dann eben das neue Zeitalter der Malerei ausgerufen und mit entsprechenden Namen ausgeschmückt: Jörg Immendorff, Martin Kippenberger, Luc Tuymans, Hermann Nitsch, Peter Doig und Marlene Dumas heißen die klangvollen "Attribute" an Saatchis Seite bei seiner ersten Ausgabe des "Triumphs der Malerei". Ende Mai wird dann die zweite Serie mit Eckpfeilern wie Franz Ackermann, Daniel Richter oder Thomas Scheibitz und darauf folgend die dritte Serie mit noch unbekannten, von Saatchi entdeckten Künstlern in Angriff genommen. Zuerst also die fest Etablierten, danach die momentanen Senkrechtstarter und schließlich die "Youngsters" - Saatchi scheint wieder einmal die gesamte Kunstentwicklung diktieren zu wollen.
Dabei sind gerade Titel und Konzeption im Zusammenhang mit der englischen Galerie am Themseufer kaum in Einklang zu bringen, war es doch in letzter Zeit vor allem die Konzeptkunst, die Saatchi als Guru der Szene vertreten wollte. Nun soll also ausgerechnet die Malerei der Galerie wieder helfen, auf altes Terrain zurückzukehren, schließlich sei diese "nach wie vor die relevanteste und vitalste Kommunikationsform des Künstlers", wie uns die Pressemeldung zu verstehen gibt.
Dass dabei auch die alte Rivalität mit Tate-Chef Nicholas Serota eine Rolle spielt, ist nicht zu übersehen. Vor allem in Hinblick auf die in Tate Modern organisierten Schau von Bildern Tracey Emins - die vormals unter Saatchis Banner ihre großen Verkaufserlöse realisieren konnte - mag der plötzliche Wandel des Sohns eines Bagdader Textilhändlers von den Konzeptkünsten zur Malerei einleuchtend erscheinen. Der ehemalige Wahlhelfer Margret Thatchers weiß sich halt nun mal auch im Nahkampf zu behaupten.
Doch lässt man die Nebenklänge der Werkschau mal außer acht, besteht kein Zweifel, dass die Ausstellung Großartiges aus der Welt der Kunst bietet: Luc Tuymans etwa besticht mit dem riesigen "Still Life", dem Versuch, die Geschehnisse des 11. September aufzuarbeiten. Abgebildet hat der Künstler ein schlichtes Stilleben aus Obst und einem Krug - die adäquate Umsetzung der schrecklichen Geschehnisse ist nun mal unmöglich.
Im Mittelpunkt befinden sich jedoch die deutschen Koryphäen Immendorff und Kippenberger, die beide zu zentralen Vertretern eines "neuen deutschen Expressionismus’" erklärt werden. Insgesamt 50 Gemälde und einige Zeichnungen der beiden werden gezeigt, die die "politischen Transformationen des 20. Jahrhunderts" so großartig repräsentieren sollen. Dass etwa bei Immendorffs "Solo" der Begleittext, den Künstler über dem wiedervereinigten Deutschland schweben sehe, das Bild jedoch bereits 1988 fertiggestellt wurde, wusste Cornelius Tittel in der "WamS" bereits spitzfindig zu kritisieren - der englischen Presse fiel dies gar nicht erst auf. Zu sehr klammert man sich hier an den "21st Century Medici" ("The Guardian"), der als einziger neben dem nahe gelegenen Tate-Haus fähig zu sein scheint, London als Fixstern in der Kunstwelt wieder zum Leuchten zu bringen.
So kann bezweifelt werden, dass Saatchis Slogans immer noch die gleiche Tragweite haben wie noch vor ein paar Jahren, die Ausstellung könnte jedoch strategisch wieder einmal nicht besser ausgearbeitet sein: Saatchis bietet etwas - für sein Haus - Neues, Großes und Unerwartetes - mit Namen wie Immendorff oder Tuymans kann man schließlich nicht viel falsch machen. Ob sich jene allerdings mit der vom "Medici" ausgerufenem Rolle identifizieren können, ist sehr unwahrscheinlich. Nicht zuletzt weil eben jene sich noch nicht einmal mit dem Galeristen identifizieren können, wie Tuymans bestätigt: "Am liebsten wäre es mir, Saatchi würde kein einziges Werk von mir besitzen." So wurde also wieder einmal an einer Stelle viel Lärm gemacht, die eines solchen gar nicht bedürft hätte.

M.M.

Michael Marth - kultur-kanal.de


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