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Erste Ausstellung im neuen Portikus - Marjetica Potrc und Tomas Saraceno in Frankfurt


Eingabedatum: 24.05.2006


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Angenommen, der ehemalige Kunstvereinschef Nicolaus Schafhausen hätte Frankfurt nicht verlassen und wäre Leiter der Staatliche Hochschule für bildende Künste - Städelschule geworden, dann hätte der Neubau des Portikus, der von der Städelschule bespielt wird, seinen Spitznamen weg: "Das ist das Haus vom Nicolaus". Jeder kennt den Spruch und mindestens eine Variante, ein Haus mit einer Linie und ohne abzusetzen aufs Papier zu zeichnen. Sicher wird der Architekt Christoph Mäckler sich nicht mit solch profanen Entwurfstechniken abgeben. Allerdings erinnert die Spitzgiebelfront seines auf einer Maininsel prominent platzierten, dunkelrot gestrichenen Ausstellungshauses frappierend an das Kinderspiel. Was dem Gebäude keinen Abbruch tut. Gerade die mit vielen raffinierten Details präzise angereicherte Einfachheit macht den Reiz des Gebäudes aus.

Der elegante Kunstbau wirkt wie ein geglättetes historisches Bürgerhaus und präsentiert sich damit als absolut zeitgemäße Erscheinung. Denn Kunst muss sich nicht länger in feudalen oder fabrikartigen Bauwerken inszenieren, sondern kann sich ganz relaxt in einem besserbürgerlichen Ambiente einrichten. Die Wirkung des Portikus ist besonders überzeugend, wenn man bei Nacht über die Alte Brücke in Richtung Sachsenhausen geht. Dann leuchtet die nach Norden verglaste Dachschräge weithin sichtbar in sonnigem Gelb - dank einer temporären, bogenförmigen Lichtinstallation von Olafur Eliasson.

Frankfurt hat ein neues Highlight. Und die Städelschule ist zu beglückwünschen. Rektor Daniel Birnbaum und Kuratorin Nikola Dietrich wollen den Portikus als ein führendes Zentrum für experimentelle Kunst in Deutschland weiterführen. Viel versprechend ist die erste Ausstellung mit architekturbezogenen Arbeiten der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrc und des argentinischen Künstlers Tomas Saraceno.

Tomas Saraceno (33) spielt dabei den schwächeren Part. Er hat zwar eine Menge transparenter Ballons mit Gas gefüllt und zu voluminösen sphärischen Objekten montiert, die in dem neun Meter hohen Ausstellungsraum sehr pittoresk schweben. Hinter seiner Arbeit mag auch ein innovativer Forschergeist stecken, denn "Flying Garden", so der Titel, soll Teil von Saracenos längerfristigem Projekt "Air-Port-City" sein, in dem er sich mit der Entwicklung von bewohnbaren Plattformen in der Luft beschäftigt. Vorbilder wie Buckminster Fuller oder Peter Cook stehen Pate. Aber so, wie die "fliegende Utopie" präsentiert wird, kommt sie über einen dekorativen Aspekt nicht hinaus.

Inhaltlich und formal markanter ist das "Prishtina-House", das Marjetica Potrc (53) installiert hat. Das etwa 35 Quadratmeter große Häuschen im, laut Potrc, "Personal Orientalism"-Stil, besticht durch seinen abenteuerlichen Formen- und Material-Mix. Die Außenwände sind aus unverputzten, knallgelb angepinselten Backsteinen gemauert. Der Eingangsbereich wird von einem adretten kleinen Hof umfasst, in den man durch eine Gittertür blickt. Über der spannt sich ein Spitzbogen aus weiß gestrichenem Sperrholz. Baluster sind dekorativ in Mauern eingearbeitet, die oben wehrhaft mit Stacheldraht gesäumt sind. An einer Ecke wacht eine Kamera, über eine andere ragt eine Straßenlampe. Vor der auffallend schmucklosen weißen Haustür klebt ein halbrunder Portikus aus Kunststoff-Abwasserrohren, darüber sind an der Fassade Stuck-Fertigteile appliziert. Ganz oben, auf dem Flachdach, ragt ein Wasserboiler in die Luft - wie der Schornstein eines kleinen Dampfschiffes, das gleich von der Portikus-Insel aus ins Wasser gleiten wird.

Marjetica Potrc hat ein Wohnhaus in Prishtina zum Vorbild genommen und in kleinerem Maßstab nachempfunden. Ein frappierender Befund: Die Post-War-Architektur des Balkans wirkt, unterstützt durch die verwendeten Materialien aus Frankfurter Baumärkten, wie eine liebevoll-kitschige Karikatur westlicher Postmoderne-Architektur. Spiegelt sich darin die Zukunft unseres multikulturellen Zusammenlebens? Dieser Frage geht Potrc auch in 20 gerahmten Zeichnungen nach, einige davon hat sie als großformatige Wandbilder ausgeführt. Pointiert reflektiert sie menschliche Lebens- und Überlebensstrategien, wenn sie mit wenigen Linien Häuser und städtebauliche Situationen skizziert und ihren Bildern Zitate aus Sir Winston Churchills legendärer Rede "We shall fight in the Beaches" vom 4. Juni 1940 vor dem House of Commons zur Seite stellt: "We shall go on to the end. [...] We shall defend our island, whatever the cost may be." Keine rosige Vergangenheit scheint da auf. Aber die Zukunft haben ja wir in der Hand.

Klaus Heid

kultur-kanal.de











Daten zu Marjetica Potrc:


- Art Basel 2013

- art basel miami beach, 2014

- Biennale Venedig 2009

- Gwangju Biennale, 2004

- Manifesta 3, 2000

- MoMA Collection

- Preistraeger 2000, Hugo Boss Prize

- SHARJAH BIENNIAL 8, 2007

- skulptur projekte münster 1997

Weiteres zum Thema: Marjetica Potrc



Portikus zieht am 5. Mai 06 in neue Räume


Der Portikus in Frankfurt am Main zieht in neue Räumlichkeiten. Nachdem der ursprüngliche Standort hinter der Fassade der zerstörten Stadtbibliothek im Jahr 2003 aufgegeben werden mußte, wurde das Ausstellungsprogramm des Portikus über fast drei Jahre hinweg im Leinwandhaus fortgesetzt. Tobias Rehberger, Professor für Skulptur an der Hochschule für Bildende Künste - Städelschule, entwickelte eigens für diese Situation eine Architektur, in der mehr als 20 Ausstellungen präsentiert wurden.

Nun tritt die Institution in ihre dritte Phase: Am 5. Mai eröffnen die slowenische Künstlerin Marjetica Potrc und der argentinische Künstler Tomas Saraceno den neuen Raum mit der Ausstellung Personal States / Infinite Actives. Beide Künstler arbeiten architekturbezogen und werden Projekte zeigen, die speziell für das neue Gebäude entwickelt worden sind. Das erste Projekt der Reihe Light Lab von Olafur Eliasson wurde unter dem Glasdach des Gebäudes installiert und ist bei Nacht bereits von außen sichtbar. Über zwei Jahre hinweg werden weitere Lichtinstallationen entstehen und kontinuierlich das Erscheinungsbild des Gebäudes verändern.

Das neue Gebäude wurde von dem Frankfurter Architekten Christoph Mäckler entworfen und befindet sich auf der Maininsel im Zentrum der Stadt. Der Portikus versteht sich in seiner Funktion als ein Produktionsort für zeitgenössische Kunst, dessen Schwerpunkt in der Neuentwicklung von künstlerischen Projekten liegt. Der ungewöhnliche Standort und die Architektur des Gebäudes laden dazu ein, in ein experimentelles Wechselspiel mit den Arbeiten der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler zu treten. Während des ersten Ausstellungsjahres wird der Portikus Projekte verwirklichen von Dan Perjovschi (Juni-August), Francis Alÿs (September-Oktober), Paul Chan (Oktober-November), eine von Michael Krebber kuratierte Ausstellung (Dezember-Januar), John Baldessari (Februar-März, 2007), Judith Hopf & Henrik Olesen (März-April, 2007) und Paulina Olowska (Mai-Juni 2007).
(Presse / Portikus)

Abbildung: Olafur Eliasson, Light Lab, test 1, 2006

PORTIKUS
Alte Brücke 2 / Maininsel
60311 Frankfurt am Main

portikus.de

M Stadt - Europäische Stadtlandschaften, Kunsthaus Graz (01.10.05 - 08.01.06)


Wie auch das Programm des steirischen herbst 2005, ist die Herbstausstellung des Kunsthaus Graz dem Thema "Stadt" gewidmet. Unter dem Titel "M Stadt. Europäische Stadtlandschaften" eröffnen sich den Besucherinnen und Besuchern unterschiedliche Zugänge und Wahrnehmungsmöglichkeiten zum diesem komplexen Thema.

Stadt als Auslaufmodell
Die europäische Stadt ist auf dem besten Weg, ein Auslaufmodell zu werden. Die Veränderungsprozesse, die zuerst in den Weltmetropolen sichtbar wurden, sind nun auch in den historischen Städten des alten Kontinents eindeutig zu erkennen. Die europäische Stadt hat ihre Funktionen und Rollen neu thematisiert, indem sie als Teil eines komplexeren territorialen Systems die Funktionen politischer Selbstdarstellung, des kulturellen Konsums, des Tourismus, der Erziehung und Freizeit übernommen hat.

Diese zahlreichen urbanen Veränderungsprozesse stehen im Zentrum der Ausstellung und werden durch ein vielfältiges Repertoire künstlerischer Formen und die Zusammenarbeit von KünstlerInnen, ArchitektInnen, StadtplanerInnen, FotografInnen und DesignerInnen sichtbar und räumlich erfahrbar gemacht.

Ausstellung als Prozess
Die interdisziplinäre, intermediale Ausrichtung und daraus resultierende Pluralität machen "M Stadt" zu einem besonderen Experiment im urbanistischen Diskurs. So wie die Stadt, so entsteht auch die Ausstellung in einem kontinuierlichen Dialog-, Kommunikations- und Produktionsprozess: einerseits durch die eigens für die Ausstellung produzierten künstlerischen Arbeiten und urbanen Analysen, andererseits durch die Ausstellungsgestaltung und -architektur der spanischen Architektin Marta Malé-Alemany. Ausstellungsinhalt und -architektur stehen dabei im Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit, wodurch sich die Ausstellung im doppelten Sinn generiert: zum einen durch die Auswahl und Positionierung der Werke, zum anderen durch die "Übersetzung" der Werkinhalte in die Form der Ausstellungsarchitektur.

6 Städte als Protagonisten
Protagonisten der Ausstellung sind die Stadt Graz selbst und die mit ihr vergleichbaren europäischen Städte Basel, Krakau, Ruhrstadt, Triest und Ljubljana. Diese Städte sind als real existierende urbane Morphologien Ausgangspunkt für Foto- und Videoporträts, künstlerische und theoretische Texte sowie die Erstellung von alternativen Kartographien, die nicht allein geographisches und demographisches Material wiedergeben, sondern die räumlichen und sozialen Auswirkungen der Veränderungsprozesse zum Thema haben.

6 Begriffe als Interpretationsansätze
In den beiden großen Räumen des Kunsthaus Graz (Space01 und Space02) erwartet die BesucherInnen eine lose angeordnete topographische Struktur mit sechs großen thematischen Eckpfeilern: "Euro-Sprawl", "Shopping", "Natur und Landschaft", "Migration", "No-Visions" und "Mapping". Für jeden einzelnen Bereich fungieren ein/e Künstler/in oder Theoretiker/in als Ideenlieferant und Impulsgeber und liefert das Konzept.

Teilnehmende KünstlerInnen (Vorläufige Liste)
Thomas Baumann, Chris Burden, Hans-Peter Feldmann, Sylvie Fleury, Masaki Fujihata, Carlos Garaicoa, Dan Graham, Andreas Gursky, Duane Hanson, Deborah Ligorio, Werner von Mutzenbecher, Julian Opie, Kyon Park, Marjetica Potrc, Gerhard Richter, Wilhelm Sasnal, Osservatorio Nomade, Gavin Turk.

ArchitektInnen, DesignerInnen und StadtplanerInnen
Aldo Cibic, Vicente Guallart, Richard Ingersoll mit Citylab, Bart Lootsma, Stiletto, Paola Viganò mit Studio 05.

Kurator: Marco De Michelis
(Presse / Kunsthaus Graz)

Abbildung: Julian Opie, Escaped Animals, 2000 Aluminium, Farbe, Vinyl und Stahl; Dimensionen variabel, Courtesy of the Artist and Lisson Gallery, London

Öffnungszeiten: Di-So 10:00-18:00 Uhr, Do 10:00-20:00 Uhr

Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz, www.kunsthausgraz.at