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Jean Baudrillard in der kunsthalle fridericianum, Kassel (14.12.03 – 29.02.04)


Eingabedatum: 09.12.2003



bilder

Weniger als Fotograf denn als einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart bekannt, zeigt Baudrillard in der Kasseler Kunsthalle unter dem Titel "Die Abwesenheit der Welt" 100 künstlerische Fotografien aus der Zeit von 1983 bis 2002.

Pressemitteilung/ Auszug: " ... Seit Mitte der 80er Jahre, aber verstärkt seit Anfang der 90er fotografiert Baudrillard, vor allem während seiner häufigen Reisen in alle Teile der Welt. Es entstehen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klassische Stilleben oder Interieurs erinnern. Zugleich aber entstehen Fotografien in extremen Ausschnitten und Nahansichten, die den jeweiligen Gegenstand des Bildes aufzulösen scheinen, so als wolle der Fotograf seiner Struktur auf den Grund gehen – als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, sondern das, was in ihm verborgen liegt.

Auch die menschliche Figur taucht in Baudrillards Arbeiten auf und hier scheint es ebenfalls so, als ob über die Jahre eine langsame, aber stetige Annäherung stattgefunden habe. Es gibt Aufnahmen von steinernen Denkmälern, von Puppen und Reklametafeln auf denen Gesichter zu sehen sind. Dann Bilder von Menschen, aufgenommen aus weiter Entfernung oder wenn sie sich unbeobachtet wähnen. Schließlich Porträts und seit neuestem Aufnahmen des eigenen Körpers - bekleidet und nackt, wobei das Gesicht nicht preisgegeben wird. Die Fotos sind mit Hilfe eines Spiegels entstanden und statt des Gesichts sieht man nur die Kamera.

Was bei Baudrillard bisweilen wie „Kalenderfotografie“ oder „Allerwelts-Schnappschuss“ aussieht ist tatsächlich Ausdruck einer ganz bestimmten Herangehensweise an die Fotografie. Und obwohl der Künstler selbst sagt, dass es zwischen seinen Fotografien und seinen Theorien keinen unmittelbaren Zusammenhang gibt, kann man beide nicht losgelöst voneinander sehen. Denn so wie er sich in seiner Theorie schon früh mit den Dingen beschäftigt hat und radikal eine Äquivalenz von Objekt und Subjekt behauptet, stehen die Objekte auch im Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses. Was die Dinge kennzeichnet ist ihre Abwesenheit, ihre Absenz, die bei Baudrillard aber nicht gleichbedeutend mit Leere oder Mangel ist – ganz im Gegenteil. „Wir können das Objekt nur sehen, sofern es uns anschaut. Wir können es nur anschauen, sofern es uns bereits gesehen hat. Genauso wie wir die Welt nur denken, wenn wir uns zuerst wünschen, dass sie uns denkt. Das ist der geheime Anspruch: vom Objekt gesehen, begehrt und gedacht zu werden. Im Grunde habe ich keine Lust, mich mit Fotografie zu beschäftigen, ich möchte, dass die Fotografie sich mit mir beschäftigt.“ 1 Die Fotografie (als technisches Medium) birgt die Möglichkeit, das Verschwinden der Dinge, die Abwesenheit der Welt, in der Zeit festzuhalten. Hier kann alles noch in Erscheinung treten, auch die noch so nebensächlichsten Dinge – das Objekt kommt gleichsam durch das Bild zu sich selbst. „Damit das Objekt eingefangen werden kann, muss sich das Subjekt loslassen. Aber darin findet es sein letztes Abenteuer, seine letzte Chance, jene, sich von seiner Selbstbesessenheit zu distanzieren in der Wiederspiegelung einer Welt, wo es von nun an die blinde Stelle der Repräsentation einnimmt. Das Objekt seinerseits hat mehr Kraft im Spiel, weil es nicht durch das Spiegelstadium gegangen ist und dadurch mit seinem Bild, seiner Identität oder seiner Ähnlichkeit nichts zu tun hat, und weil es, ohne Begehren und ohne etwas zu sagen zu haben, dem Kommentar und der Interpretation entkommt. Wenn es einem gelingt, etwas von dieser Unähnlichkeit und dieser Einzigartigkeit einzufangen, so ändert sich etwas auf Seiten der `realen´ Welt und des Realitätsprinzips an sich.“ ...

Jean Baudrillard wurde 1929 in Reims geboren. Nach dem Studium der Germanistik unterrichtete er zunächst als Deutschlehrer an einer Mittelschule. Er übersetzte Texte von Peter Weiss und Berthold Brecht sowie philosophische und soziologische Werke ins Französische und arbeitete als Redakteur der Zeitschrift Traverses. Mitte der 60er Jahre wurde er Assistent bei Henri Lefèbvre an der Université de Nanterres in Paris, wo er 1968 in der Soziologie mit der Arbeit Le système des objets (dt.: Das System der Dinge) promovierte und anschließend einen Lehrstuhl für Soziologie übernahm. 1987 habilitierte Baudrillard mit der Arbeit L´autre par lui même (dt.: Das andere Selbst) und beendete im gleichen Jahr seine Lehrtätigkeit. 1995 erhielt er den ZKM- und Siemens-Medienkunstpreis, zusammen mit dem Regisseur Peter Greenaway. Baudrillard nennt sich selbst weder Soziologe noch Philosoph, sondern zieht die Bezeichnung Theoretiker vor. Seine zahlreichen Analysen zur Konsumgesellschaft, zur Macht der Medien, zum Verschwinden der Politik und seine Theorien der Simulation, der Verführung, der Fatalität und des Bösen sind in mehr als 12 Sprachen übersetzt. Neben den Büchern schreibt er regelmäßige Kolumnen für die Pariser Tageszeitungen Le Monde und Libération. ..."

Außerdem wir parallel zu dieser Ausstellung die Ausstellung Portal II eröffnet. Teilnehmende Künstler: Coup (Peter van den Hoogen (NL), Erica Terpstra (NL)), Benoît Goupy (F), Nils Klinger (D), Germaine Kruip (NL), Guillaume Leblon (F), LIGNA (Ole
Frahm (D), Michael Hüners (D), Thorsten Michaelsen (D)), Franz Pomassl (A), Tomo Savi?-Gecan (HR), Kristy Trinier (CDN)

Ausstellungsdauer: 14. Dezember 2003 – 29. Februar 2004

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen

Kunsthalle Fridericianum | Friedrichsplatz 18 | D-34117 Kassel | Tel. +49 (0) 561 - 70 72 720
fridericianum-kassel.de

ch




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