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Erik van Lieshout Sündenbock

16. 09. –19. 11. 2017 | Kunstverein Hannover

Mit »Sündenbock« zeigt der Kunstverein Hannover die bislang umfassendste Ausstellung von Erik van Lieshout (*1968, lebt in Rotterdam) in Deutschland. Die Einzelausstellung des niederländischen Künstlers spannt einen Bogen von 2006 bis heute und stellt sechs raumgreifende Videoinstallationen vor, die durch großformatige Collagen und Zeichnungen ergänzt werden. Begehbare Einbauten aus rauen Holzkonstruktionen, Rampen und Plateaus sowie der Einsatz von Absperrzäunen verbinden die einzelnen Werke zu einem psychologisch aufgeladenen Parcours, der den Betrachter physisch herausfordert.

Schonungslos direkt wie auch satirisch und amüsant thematisieren seine Werkkomplexe gesellschaftspolitische Fragestellungen unserer Zeit und führen politische Missstände und gesellschaftliche Konflikte vor Augen. Dabei werden persönliche Grenzen und gesellschaftliche Tabus unterlaufen und Mechanismen der Rollenzuschreibung, des Rollenverständnisses und der Schuldübertragung offengelegt. In seinen prozessual angelegten Filmen begibt sich Erik van Lieshout mitten in die Gesellschaft, um unbequeme Themen wie Rechtsextremismus oder Migrationskonflikte zu beleuchten und die gesellschaftliche Tragweite von Kunst auszuloten. Indem er sowohl empathisch wie auch konfrontativ agiert, gelingt es ihm, einen unmittelbaren Zugang zu Orten und Menschen herzustellen, deren Haltung und Einstellung er sichtbar werden lässt.

Im Zentrum der Ausstellung steht van Lieshouts neueste, auf der Kochi-Muziris Biennale in Indien entwickelte Arbeit »G.O.A.T.« (2017), die – vor dem Hintergrund verschiedenartiger kultureller Prägungen – künstlerische Freiheit, Zensur und das Phänomen des Sündenbocks in den Fokus rückt. Drei Monate verbrachte der Künstler hierfür in einem Ausstellungsggebäude auf dem Biennale-Gelände, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Der Film ist als provokantes kultursoziologisches Experiment zu verstehen, in dem van Lieshout an die eigenen wie auch gesellschaftlichen Grenzen geht. Letztendlich zeigt die Arbeit den gescheiterten Versuch, sich als europäischer Künstler im Rahmen fremder ästhetischer und religiösmoralischer Vorstellungen zu entfalten und die Frage nach den Werten zu stellen, die diesen Verhältnissen zugrunde liegen.

Gesellschaftspolitische Themen: In weiteren Filmen wie Rotterdam–Rostock (2006) und Dog (2015) deckt Erik van Lieshout mit schonungsloser Direktheit gesellschaftliche Problemzonen auf und erweist sich einmal mehr als kritischer Chronist seiner Zeit. Rotterdam– Rostock wurde erstmals in einem Container im Außenraum auf der Berlin Biennale 2006 präsentiert und versammelt van Lieshouts Eindrücke von Land und Leuten auf seiner Fahrradtour von Rotterdam nach Rostock quer durch Deutschland. Anhand tragikomischer wie peinlich-beklemmender Begegnungen mit Bürgern diverser Randgruppen beleuchtet die Arbeit auf eindrückliche Weise das Erbe nationalsozialistischer Vergangenheit sowie das eines vormals geteilten Landes. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit einer Dichte karikaturhafter Klischees und fremdenfeindlicher Einstellungen. Auch Dog (2015) verhandelt – auf van Lieshouts Heimatland Holland Bezug nehmend – gesellschaftspolitische Missstände und Konflikte und zeigt mehr, als dem Betrachter genehm ist. Der 2-Kanal-Film stellt die Auswirkungen europäischer Asyl- und Flüchtlingspolitik anhand des tragischen Falls des russischen Oppositionellen Aleksandr Dolmatov in den Mittelpunkt, dessen Asylantrag in den Niederlanden 2013 aufgrund eines Computerfehlers abgelehnt wurde.

Kunst und Leben: In Sex is Sentimental (2009) wie auch in The Workers (2014) reflektiert Erik van Lieshout sein Selbstverständnis als Künstler, gibt Einblicke in die Produktionsprozesse seiner Filme und untersucht das Spannungsfeld von Kunst und Leben. So thematisiert die exhibitionistische Innenschau Sex is Sentimental nichts weniger als die großen Themen Liebe und Leidenschaft und lässt den Betrachter mit entwaffnender Offenheit an van Lieshouts innerem Zwiespalt – zwischen professionellem Arbeitsethos oder Liebesbeziehung mit seiner Mitarbeiterin – teilhaben. Der Film The Workers wiederum legt das Hauptaugenmerk auf die Ideale und Werte innerhalb der Familie des Künstlers, deren Mitglieder größtenteils Sozialarbeiter sind. In diesem humorvollen wie auch schmerzhaften Familienporträt untersucht van Lieshout einmal mehr die Beziehung zwischen altruistischen Handlungen, individuellem Ehrgeiz und kollektiven Bedürfnissen.

Ausgehend von der Überlegung, wie Kunst das Leben positiv beeinflussen kann, begab sich der niederländische Künstler – in seinem Beitrag zur Manifesta 10 in St. Petersburg – selbst in die Rolle des professionellen Helfers, um die Lebensbedingungen der Katzen in den Kellergewölbe-Gängen der Eremitage zu verbessern, die seit Jahrhunderten die Mäuse von den Meisterwerken des renommierten Museums fernhalten. Während The Basement (2014) im Bezug auf die Eremitage in einem Tunnel aus Holz projiziert wird, ist der Besucher eingeladen, The Workers von einer begehbaren Rampe aus zu betrachten.

Dokumentation und Inszenierung sind bei ihm untrennbar miteinander verbunden. Schonungslos wird jeder Akteur – eingenommen er selbst – auf eine Rolle zugespitzt und jegliches Ereignis von ihm kommentiert. Durch die Verbindung von sozialem Bewusstsein und Egozentrik, voyeuristischer und exhibitionistischer Direktheit entsteht ein unverwechselbarer, eigenwilliger bis schockierender Kosmos, in dem der Ernst des Lebens freimütig und respektlos verhandelt und das Verhältnis zwischen privat und politisch, Individuum und Gesellschaft immer wieder neu ergründet wird.

Der gesamte Ausstellungsparcours wird von expressiven Zeichnungen und von eindringlichen großformatigen Collagen begleitet, in denen van Lieshout in malerischem Gestus mit farbigen Folien wichtige Szenen von seinem Aufenthalt in Indien aufgreift. Er findet seinen Abschluss mit Arbeiten zur interkontinentalen Beziehung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump sowie Zeichnungen zur Brexit-Debatte.

Einzelausstellungen von Erik van Lieshout fanden jüngst in der South London Gallery (2017) und in Wiels, Contemporary Art Centre, Brüssel (2016) statt, Teilnahme an Gruppenausstellungen u. a. an der Kochi-Muziris Biennale, Fort Kochi, Indien (2016), Emscherkunst, Dortmund (2016), Manifesta 10, The European Biennal of Contemporary Art, The State Hermitage Museum, St. Petersburg, Russland (2014).


Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2
D-30159 Hannover

kunstverein-hannover.de

Presse





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