Logo art-in.de

Tomma Abts

bis 03.01.2027 | Fridericianum, Kassel

Eingabedatum: 15.10.2026

Werkabbildung
Abb.: Tomma Abts (Ortsspezifische Intervention / Site-specific intervention Fridericianum, Kassel, 2026). Foto: Andrea Rossetti © Tomma Abts
Tomma Abts zählt zu den prägenden Positionen der internationalen Gegenwartsmalerei. In ihren Gemälden und Zeichnungen zeigt sich eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Form, Farbe und Bildraum. Ihre Bilder, meist in Acryl und Öl auf einem gleichbleibenden Leinwandformat, entstehen als Resultat eines zeitintensiven Malverfahrens, in dem sich unterschiedliche Formen und differenzierte Farbwelten zu spannungsreichen Bildgefügen verdichten.

Auf Einladung des Fridericianum erweitert Tomma Abts ihre bisherige künstlerische Praxis erstmals um eine ortsspezifische Wandmalerei im Innenraum. Für die Arbeit nimmt sie Bezug auf die besondere Architektur der sogenannten Rotunde im zweiten Obergeschoss. Hier erstreckt sich unter einem fächerförmig gegliederten Glasdach ein großzügiger Lichthof, begrenzt von einem Galerieumlauf, dessen Verlauf auf einer Seite gerundet ist. Diese räumlichen Gegebenheiten sowie die spezifische Lichtsituation des Ortes greift Tomma Abts auf und übersetzt sie in eine Komposition aus vier Elementen: Kreis, Quadrat, Ellipse und Rhombus.

Kreis und Quadrat befinden sich unmittelbar unter dem Glasdach auf den Wandflächen des Lichthofs, die vom einfallenden Tageslicht beleuchtet werden. Ellipse und Rhombus sind dagegen an den zurückgesetzten Wandflächen des Galerieumlaufs positioniert, die hauptsächlich durch Kunstlicht illuminiert werden. Die beiden gerundeten Formen sind vollflächig gemalt, die eckigen hingegen als breite Rahmen gestaltet. Über den Lichthof hinweg treten die beiden Formpaare sowohl miteinander als auch mit der Architektur und den unterschiedlichen Lichtverhältnissen in Beziehung. In ihrer räumlichen Anordnung entsteht ein Verhältnis von Vorder- und Hintergrund, das zugleich an Formen und deren Schatten erinnert.

Unter Einbeziehung der Architektur bilden die vier Elemente ein zusammenhängendes Gefüge, das dazu einlädt, die Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln und zu unterschiedlichen Tageszeiten zu betrachten. Je nach Standpunkt verändern sich die Wahrnehmung von Proportionen, Positionen, Farben und die malerische Wirkung. Mit dem Wechsel von Tages- zu Kunstlicht wandelt sich auch die visuelle Präsenz der einzelnen Formen: Während Kreis und Quadrat bei abnehmendem Tageslicht verschattet werden, gewinnen Ellipse und Rhombus an Sichtbarkeit.

Dass die Wandmalerei unmittelbar an zentrale Aspekte von Tomma Abts’ bisheriger Arbeitsweise anknüpft, lässt sich an den Gestaltungsmerkmalen ablesen. So wurden etwa die Konturlinien der vier Formen und die genaue Tonalität der Farbflächen in einem mehrstufigen Verfahren realisiert, das darauf abzielt, nicht allein die Farbwerte und deren Ambivalenzen zu definieren, sondern auch die Art des Farbauftrags und der Oberfläche zu bestimmen. Die Ausführung der Arbeit erfolgte durch technische Mitarbeiter des Fridericianum in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin.

Indem die Wandmalerei die Grenzen der Leinwand überschreitet und in den Raum ausgreift, erweitert Tomma Abts ihr bisheriges Schaffen um eine neue Form der Auseinandersetzung mit Räumlichkeit. Gleichzeitig führt sie einen wesentlichen Aspekt ihrer Ausstellungspraxis fort: die Einbindung der Architektur mit der bewussten Strukturierung der Wandflächen durch präzise bestimmte Abstände bei der Installation ihrer Bilder.

Die ortsspezifische Malerei im Fridericianum wird nun selbst zu einem Bestandteil der Architektur, die sich erst durch die Bewegung im Raum und aus unterschiedlichen Perspektiven vollständig erschließt. Die Arbeit verbindet damit Aspekte von Tomma Abts’ Malerei, Zeichnung und Raumwahrnehmung und macht die Mehrdimensionalität ihrer künstlerischen Praxis unmittelbar erfahrbar.

Tomma Abts wurde 1967 in Kiel geboren und studierte von 1988 bis 1995 an der Hochschule der Künste in Berlin. Seit 1995 lebt und arbeitet die Künstlerin in London. Bereits 2006 erhielt sie als erste Deutsche den Turner Prize. Im Jahr 2010 wurde sie als Professorin für Malerei an die Kunstakademie Düsseldorf berufen, wo sie seither lehrt.

Einzelausstellungen ihrer Werke waren unter anderem im Art Institute, Chicago (2018), in der Serpentine Gallery, London (2018), im Aspen Art Museum, Colorado (2014), in der Kunsthalle Düsseldorf (2011), im New Museum, New York (2008; anschließend im Hammer Museum, Los Angeles), in der Kunsthalle Basel (2005) sowie in der Douglas Hyde Gallery, Dublin (2005), zu sehen. Darüber hinaus war Tomma Abts an bedeutenden internationalen Ausstellungen beteiligt, darunter die 4. Berlin Biennale (2006), die 54. Carnegie International in Pittsburgh (2004) und die 7. Istanbul Biennale (2001). Bei dem Projekt im Fridericianum handelt es sich um die erste institutionelle Präsentation von Abts in Deutschland seit 2011.

English summary:
At the invitation of the Fridericianum in Kassel, acclaimed painter Tomma Abts has created her first site-specific indoor wall painting. Directly responding to the architecture and light conditions of the second-floor rotunda, the installation comprises four geometric elements: circle, square, ellipse, and rhombus. Installed across daylight-filled atrium walls and artificially illuminated surrounding galleries, the forms interact with spatial depth, surface tonality, and changing light throughout the day. Extending beyond the canvas into architectural space, the work marks Abts's first institutional presentation in Germany since 2011.

Bis 03.01.2027
Fridericianum

Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel

https://www.fridericianum.org

Presse

Kontext

Einordnung:
Tomma Abts, eine prägende Position der zeitgenössischen Abstraktion, überführt ihre bislang auf standardisierte Bildträger konzentrierte Praxis im Fridericianum erstmals in das Feld der ortsspezifischen Wandmalerei. Mit der Reduktion auf geometrische Grundformen – Kreis, Quadrat, Ellipse und Rhombus – sowie einem komplexen, mehrstufigen Farbauftrag knüpft sie an historische Traditionen der Konkreten Kunst an, bricht deren Dogmatik jedoch durch eine prozesshafte Mehrdimensionalität auf. Das präzise Zusammenspiel aus Vollflächen, Rahmungen und den architektonischen Gegebenheiten generiert ein ambivalentes Verhältnis von Bildraum, Körperhaftigkeit und Schattenwurf. Indem die Arbeit unmittelbar an den Wechsel von Tages- und Kunstlicht gekoppelt ist, transformiert Abts die Malerei in eine phänomenologische Versuchsanordnung: Das Werk emanzipiert sich vom autonomen Tafelbild, bindet die Rezeption an die körperliche Bewegung im Raum und leistet so einen avancierten Beitrag zum Diskurs über die Entgrenzung des Malerischen in der Gegenwartskunst.
Supported by AI

Kataloge/Medien zum Thema: Tomma Abts


Tomma Abts:

- Art Basel 2013
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel Paris 2025
- art basel Paris 2025
- art cologne 2015
- artbasel2021
- artbasel2021
- Berlin Biennale 2006
- Buchholz - Gallery
- Frieze LA 2019
- Frieze London 2022
- Galerie David Zwirner
- greengrassi - Gallery
- MoMA Collection
- Preisträger 2006, Turner Prize
- UNTITLED 2018