Wilhelm Sasnal


Eingabedatum: 03.02.2012

bilder

Wilhelm Sasnal, Kacper, 2009, Oil on canvas, © the Artist, courtesy Sadie Coles HQ, London

Die Ausstellung gibt einen Einblick in Sasnals Arbeit von 1999 bis zur Gegenwart. Sie zeigt über 60 Gemälde und eine Auswahl seiner Filme.

Wilhelm Sasnal (geb. 1972 in Tarnow, Polen), der international bereits durch eine Reihe von Einzelausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hat, findet seine Motive im Alltag und in den Medien. Dabei reicht seine Bildwelt von Porträts seiner Angehörigen und Freunde bis zu Ikonen der Popkultur; vom Nachrichten-Foto eines jungen Mädchens in den Trümmern der Tsunami-Katastrophe in Japan bis zu Kapiteln aus der polnischen Geschichte wie dem Zweiten Weltkrieg einschließlich Holocaust. Wie ein Pendel schwingen seine Bilder ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her.

Stilistisch verschmilzt Wilhelm Sasnal Romantik mit Realismus, Pop mit Abstraktion. Die Ausbildung an der Krakauer Akademie der Schönen Künste, das Anfertigen von Stillleben, Akten und die Beschränkung auf Kunstgeschichte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts fand er "sehr technisch" und lebensfern: "Mein Leben war völlig anders als das, was die Bilder zeigten, auf die ich Bezug nehmen sollte; deshalb wollte ich malen, was um mich her vorging." (Wilhelm Sasnal im Gespräch mit Achim Borchardt-Hume, Hauptkurator, Whitechapel Gallery, London)

Malerei ist für Wilhelm Sasnal weder "eine einsame Übung", noch ein "Rückzug aus der Gesellschaft". Seine Bilder drücken eine Haltung zu bestimmten Dingen aus - obwohl sie weder deskriptiv sind, noch darauf zielen, bestimmte Aspekte der Welt zu kritisieren oder zu loben. Wilhelm Sasnal ist der Ansicht, dass sich Malerei gleichzeitig auf sich selbst und auf die Welt beziehen kann. Ein Beispiel hierfür ist sein Bild "Bathers at Asnières" (2010), das direkt Bezug nimmt auf Georges Seurats gleichnamiges Gemälde von 1883/84. "Die Melancholie gefällt mir, und dass alle Leute, obwohl es ein schöner Tag ist, ganz vereinzelt sind", sagt Wilhelm Sasnal. Darüber hinaus erinnert ihn Seurats Gemälde an den Ort seiner Kindheit und an die Geschichten, die seine Großmutter über den Sommer des Jahres 1939 erzählt hat; dieser Sommer kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war so heiß, dass die Leute ihre Tage am Fluss verbrachten.

Die Jahre 2000/2001 waren für Wilhelm Sasnal entscheidend: In Polen erschien Art Spiegelmans Comic "Maus", Claude Lanzmanns neunstündiger Dokumentarfilm "Shoah" (1985) wurde gezeigt und Jan Tomasz Gross´ Buch "Neighbours" (2001) kam heraus. Nachdem sich die Polen bisher ausschließlich als Opfer der Nationalsozialisten verstanden hatten, thematisierten diese Veröffentlichungen nun ihre Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Gräueltaten. Wilhelm Sasnal fand diese Notwendigkeit des Perspektivwechsels zunächst verstörend. 2001 malte er insgesamt fünf Gemälde nach dem Comic "Maus", in dem Art Spiegelman die Nationalsozialisten als Katzen, die Juden als Mäuse, die Polen als Schweine und die Amerikaner als Hunde darstellt. Wilhelm Sasnal übernimmt für diese Werkgruppe die grafische, schroffe Darstellung in Schwarzweiß und kreist um die Frage, wie viel vom Inhalt des Comics zu vermitteln ist, wenn die Bilder aus dem Zusammenhang gerissen sind und die Sprechblasen wegfallen. In den "Maus"-Gemälden stellt Wilhelm Sasnal eine Person oder Szene isoliert dar, befreit vom Vorwärtsdrängen der Handlung.

Allgemein erwecken seine Gemälde häufig den Eindruck von Stillstand und sind dennoch mit Handlung aufgeladen. Diese Spannung ist charakteristisch. Vorlage für das Gemälde "Shoah (Translator)" (2003) ist beispielsweise ein Still aus Lanzmanns gleichnamigem Film. Das Gemälde "Untitled (Rubber & Metal)" (2000) kann wie eine Bildgeschichte gelesen werden. Es ist eine Sequenz aus zwölf Einzelbildern, die jeweils ein kleines Metallstück zeigen. Von rechts schieben sich schwarze Gummireifen ins Bild, die über das Metall rollen und dabei beschädigt werden. Die Bildidee geht auf eine Simulation der Concorde-Katastrophe im Juli 2000 zurück: Ein Stück Metall auf der Startbahn hatte den Reifen zerstochen und zwei Minuten nach Abflug den Absturz verursacht. Mit solchen Aneignungen fragt Wilhelm Sasnal danach, ob "Malerei vielleicht viel mehr erzählen kann als Film. Was allerdings beide Medien gemeinsam haben, ist dieses Gefühl von Erwartung."

Basierend auf vier Bildern des mexikanischen Fotografen Enrique Metinides, der berühmt ist für seine detaillierten Aufnahmen von Katastrophen und Todesfällen, entstehen 2003 die so genannten Metinides-Gemälde. Wilhelm Sasnal hat für diese Gemälde jedoch die wesentlichen Informationen oder erzählenden Elemente der Fotografien gelöscht: Helfer nach einem Flugzeugabsturz besitzen keine Gesichtszüge mehr ("Us", 2006), und das Foto eines durch Elektrizität Getöteten verknappt er zur Darstellung von Pfahl, Stromleiter, Flamme und Rauch - der Tote selbst fehlt. Die Metinides-Gemälde zeigen exemplarisch, wie Wilhelm Sasnal eine analytische Ebene einzieht, die sich als Distanz zwischen dem Geschehen zum Maler, und zwischen Gemälde und Betrachter bemerkbar macht.

Je nach Sujet verändert er auch die Malweise. In den frühen Gemälden wie "Maus" hinterlässt die Pinselführung kaum persönliche Spuren ihres Autors. Bei einzelnen späteren Gemälden wird der Farbauftrag üppig oder pastos. Das wogende Gras, durch das vier Frauen in Rückenansicht auf einen kahlen Berg zugehen, ist mit geripptem Stoff auf die Leinwand gewischt ("Untitled", 2004); "Photophobia" (2007), das Katerstimmung zum Ausdruck bringt und Abscheu vor dem Tageslicht, ist mit den Fingern gemalt. Für das Thema von Strahlung und Kernkraft verzichtet Wilhelm Sasnal darauf, den Farbauftrag zu kontrollieren und lässt die Farbe über die Leinwand laufen ("Power Plant in Iran", 2010).

Insgesamt belegen Sasnals Werke der vergangenen zehn Jahre seine Leidenschaft für die Geschichte der Malerei und seine konzeptuelle Auseinandersetzung mit der Malerei als Medium. Gary Shteyngart hat über den langwierigen Schreibprozess seines letzten Romans gesagt dass ein Buch, das in der Gegenwart spielt, bei seinem Erscheinen bereits ein historischer Roman ist. Dieser Gefahr der Entwertung durch Sofortverwertung begegnet Wilhelm Sasnal mit der Zeitlosigkeit von Malerei. Mit seiner Auswahl aus der Masse von Bildern in Comics, Zeitungen, Fernsehen und Internet erzählt er eine ganz persönliche "Super Sad True Love Story".
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