Anna Jermolaewa. Radical Hope
30.10.2026 - 29.03.2027 | Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz
Eingabedatum: 22.10.2026

Mit empathischem Blick und feinem Humor legt Anna Jermolaewa verborgene Mechanismen des Alltäglichen frei – und ist mit ihrer Kunst ganz nah am Leben. Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet der 1970 in St. Petersburg geborenen und in Wien lebenden Künstlerin eine grosse Einzelausstellung. Radical Hope vereint ausgewählte frühere Werke mit zahlreichen neuen und eigens für die Ausstellung in Vaduz entstandenen Arbeiten. Dafür reiste Jermolaewa auf den Spuren Walter Benjamins und seiner Fluchthelferin Lisa Fittko in die Pyrenäen; nach Paris, um ihrer eigenen Fluchthelferin Aleksandra Wysokińska wiederzubegegnen; und auf die Kanalinsel Jersey, wo sie in Gerald Durrells Refugium für vom Aussterben bedrohte Tierarten filmte.
Anna Jermolaewas künstlerische Praxis ist eng mit ihrer Biografie verbunden. Drei wesentliche Aspekte prägen die Ausstellung: die Leidenschaft für das Sammeln, Exil und Migration, aber auch ihre besondere Verbundenheit mit Tieren. Jermolaewa, die 1989 aus der damaligen Sowjetunion fliehen musste, richtet den Blick auf persönliche Erfahrungen sowie historische Spuren und begegnet den politischen und gesellschaftlichen Realitäten unserer Zeit mit radikaler Hoffnung. Eine zentrale Werkgruppe ist die neue Arbeit Museum of Radical Hope (2026): eine von Anna Jermolaewa über mehrere Jahre zusammengetragene Sammlung kleiner Alltagsobjekte, die von Inhaftierten in sowjetischen Gefängnissen gefertigt wurden. Dazu zählen Handspiegel und Kämme ebenso wie Türgriffe oder Feuerzeughüllen. Die aus Acryl, Brot (geformt, ausgehärtet und bemalt) oder Ebonit (in der UdSSR zur elektrischen Isolierung verwendet) gefertigten Objekte zeichnen sich durch bemerkenswerte handwerkliche Sorgfalt aus. Das verwendete Acryl stammt aus Rückständen der militärisch-industriellen Produktion, in der Gefangene eingesetzt wurden. Inmitten von Gefangenschaft, Verlust und widrigsten Umständen zeugt die Herstellung dieser Objekte von der Kraft des Menschen, etwas Schönes und Lebensbejahendes zu schaffen – und damit von einem Funken Hoffnung.
In der Aquarellserie LAST SEEN SINCE 1970 (2025–fortlaufend) katalogisiert Anna Jermolaewa Tiere, die seit 1970 – dem Geburtsjahr der Künstlerin – nicht mehr gesichtet wurden und als ausgestorben gelten. Für die Ausstellung erweiterte sie die Serie mit neuen grossformatigen Zeichnungen nach Skizzen von 2025. Der neu geschaffene Videoteil wurde im Jersey Zoo, dem Sitz des von Gerald Durrell gegründeten Durrell Wildlife Conservation Trust, gedreht und zeigt Mitarbeitende bei der Versorgung und Aufzucht bedrohter Tierarten. Bereits als Kind war die Künstlerin fasziniert von Durrells Büchern und seinem Engagement für den Artenschutz.
Die Arbeit “F” Route nimmt Bezug auf einen historischen Fluchtweg über die Pyrenäen, auf dem im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfolgte flohen. Jermolaewa besuchte den Weg zweimal, 2021 und 2026. Die grosse Panoramafotografie Summit (Dedicated to Lisa Fittko) (2026) erinnert an die Fluchthelferin Lisa Fittko, die Menschen auf diesem Weg von Frankreich nach Spanien führte.
In Aleksandra Wysokińska: 20 Years Later / 35 Years Later (2009/2026) verbindet Anna Jermolaewa die historische Dimension von Flucht mit ihrer eigenen Biografie: Die Arbeit dokumentiert ihre wiederholten Begegnungen mit Aleksandra Wysokińska, die ihr 1989 bei der Flucht aus der Sowjetunion nach Österreich half.
Manche Arbeiten der Künstlerin entstehen über längere Zeiträume hinweg oder werden über Jahre weiterentwickelt. «Was mich an Anna Jermolaewas Werk besonders berührt, ist, dass sie die Zeit selbst zur Akteurin werden lässt», sagt Christiane Meyer-Stoll, Direktorin des Kunstmuseum Liechtenstein und Kuratorin der Ausstellung. «Sie kehrt zu Orten, Menschen und Themen zurück und lässt zu, dass sich ihre eigene Geschichte mit gesellschaftlichen und historischen Veränderungen immer wieder wandelt. So wird Vergangenheit zu etwas Lebendigem, das sich mit jeder neuen Begegnung verändert. In dieser kontinuierlichen, menschenzugewandten Wahrnehmung liegt für mich die besondere Kraft ihres Werks.»
Die Ausstellung Radical Hope gibt einen umfassenden Einblick in Jermolaewas konzeptionelle künstlerische Praxis, die ein breites Spektrum von Medien umfasst: Video, Installation, Fotografie, Performance, Malerei und Skulptur. Dabei richtet sich ihr besonderes Interesse auf die subtilen Mechanismen der Einflussnahme, die unseren Alltag prägen. «Viele meiner Arbeiten handeln von Manipulation», so die Künstlerin. «Wer oder was manipuliert wird, bleibt dabei fast immer ausserhalb des Bildfeldes. Die Machtmechanismen, die ein Individuum heute beeinflussen oder lenken, werden dabei immer feiner und weniger sichtbar.» Im Kunstmuseum Liechtenstein war Anna Jermolaewa bereits in zwei Gruppenausstellungen vertreten: Parlament der Pflanzen (2020/2021) und Auf der Strasse (2025). Zwei Werke der Künstlerin befinden sich in der Sammlung; beide waren Teil ihres Beitrags für den österreichischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2024.
English summary:
Kunstmuseum Liechtenstein presents "Radical Hope", a major solo exhibition by Vienna-based artist Anna Jermolaewa. Bringing together selected earlier pieces alongside numerous new works created specifically for this show, the exhibition addresses core themes in Jermolaewa’s conceptual practice: exile and migration, collecting, and her profound connection to the animal kingdom. Drawing deeply on her personal biography—including her flight from the Soviet Union in 1989—and broader historical narratives, Jermolaewa confronts contemporary sociopolitical realities with empathy, humor, and radical hope. Spanning video, installation, photography, painting, and sculpture, the featured works examine subtle mechanisms of societal manipulation and human resilience in the face of adversity.
Anna Jermolaewas künstlerische Praxis ist eng mit ihrer Biografie verbunden. Drei wesentliche Aspekte prägen die Ausstellung: die Leidenschaft für das Sammeln, Exil und Migration, aber auch ihre besondere Verbundenheit mit Tieren. Jermolaewa, die 1989 aus der damaligen Sowjetunion fliehen musste, richtet den Blick auf persönliche Erfahrungen sowie historische Spuren und begegnet den politischen und gesellschaftlichen Realitäten unserer Zeit mit radikaler Hoffnung. Eine zentrale Werkgruppe ist die neue Arbeit Museum of Radical Hope (2026): eine von Anna Jermolaewa über mehrere Jahre zusammengetragene Sammlung kleiner Alltagsobjekte, die von Inhaftierten in sowjetischen Gefängnissen gefertigt wurden. Dazu zählen Handspiegel und Kämme ebenso wie Türgriffe oder Feuerzeughüllen. Die aus Acryl, Brot (geformt, ausgehärtet und bemalt) oder Ebonit (in der UdSSR zur elektrischen Isolierung verwendet) gefertigten Objekte zeichnen sich durch bemerkenswerte handwerkliche Sorgfalt aus. Das verwendete Acryl stammt aus Rückständen der militärisch-industriellen Produktion, in der Gefangene eingesetzt wurden. Inmitten von Gefangenschaft, Verlust und widrigsten Umständen zeugt die Herstellung dieser Objekte von der Kraft des Menschen, etwas Schönes und Lebensbejahendes zu schaffen – und damit von einem Funken Hoffnung.
In der Aquarellserie LAST SEEN SINCE 1970 (2025–fortlaufend) katalogisiert Anna Jermolaewa Tiere, die seit 1970 – dem Geburtsjahr der Künstlerin – nicht mehr gesichtet wurden und als ausgestorben gelten. Für die Ausstellung erweiterte sie die Serie mit neuen grossformatigen Zeichnungen nach Skizzen von 2025. Der neu geschaffene Videoteil wurde im Jersey Zoo, dem Sitz des von Gerald Durrell gegründeten Durrell Wildlife Conservation Trust, gedreht und zeigt Mitarbeitende bei der Versorgung und Aufzucht bedrohter Tierarten. Bereits als Kind war die Künstlerin fasziniert von Durrells Büchern und seinem Engagement für den Artenschutz.
Die Arbeit “F” Route nimmt Bezug auf einen historischen Fluchtweg über die Pyrenäen, auf dem im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfolgte flohen. Jermolaewa besuchte den Weg zweimal, 2021 und 2026. Die grosse Panoramafotografie Summit (Dedicated to Lisa Fittko) (2026) erinnert an die Fluchthelferin Lisa Fittko, die Menschen auf diesem Weg von Frankreich nach Spanien führte.
In Aleksandra Wysokińska: 20 Years Later / 35 Years Later (2009/2026) verbindet Anna Jermolaewa die historische Dimension von Flucht mit ihrer eigenen Biografie: Die Arbeit dokumentiert ihre wiederholten Begegnungen mit Aleksandra Wysokińska, die ihr 1989 bei der Flucht aus der Sowjetunion nach Österreich half.
Manche Arbeiten der Künstlerin entstehen über längere Zeiträume hinweg oder werden über Jahre weiterentwickelt. «Was mich an Anna Jermolaewas Werk besonders berührt, ist, dass sie die Zeit selbst zur Akteurin werden lässt», sagt Christiane Meyer-Stoll, Direktorin des Kunstmuseum Liechtenstein und Kuratorin der Ausstellung. «Sie kehrt zu Orten, Menschen und Themen zurück und lässt zu, dass sich ihre eigene Geschichte mit gesellschaftlichen und historischen Veränderungen immer wieder wandelt. So wird Vergangenheit zu etwas Lebendigem, das sich mit jeder neuen Begegnung verändert. In dieser kontinuierlichen, menschenzugewandten Wahrnehmung liegt für mich die besondere Kraft ihres Werks.»
Die Ausstellung Radical Hope gibt einen umfassenden Einblick in Jermolaewas konzeptionelle künstlerische Praxis, die ein breites Spektrum von Medien umfasst: Video, Installation, Fotografie, Performance, Malerei und Skulptur. Dabei richtet sich ihr besonderes Interesse auf die subtilen Mechanismen der Einflussnahme, die unseren Alltag prägen. «Viele meiner Arbeiten handeln von Manipulation», so die Künstlerin. «Wer oder was manipuliert wird, bleibt dabei fast immer ausserhalb des Bildfeldes. Die Machtmechanismen, die ein Individuum heute beeinflussen oder lenken, werden dabei immer feiner und weniger sichtbar.» Im Kunstmuseum Liechtenstein war Anna Jermolaewa bereits in zwei Gruppenausstellungen vertreten: Parlament der Pflanzen (2020/2021) und Auf der Strasse (2025). Zwei Werke der Künstlerin befinden sich in der Sammlung; beide waren Teil ihres Beitrags für den österreichischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2024.
English summary:
Kunstmuseum Liechtenstein presents "Radical Hope", a major solo exhibition by Vienna-based artist Anna Jermolaewa. Bringing together selected earlier pieces alongside numerous new works created specifically for this show, the exhibition addresses core themes in Jermolaewa’s conceptual practice: exile and migration, collecting, and her profound connection to the animal kingdom. Drawing deeply on her personal biography—including her flight from the Soviet Union in 1989—and broader historical narratives, Jermolaewa confronts contemporary sociopolitical realities with empathy, humor, and radical hope. Spanning video, installation, photography, painting, and sculpture, the featured works examine subtle mechanisms of societal manipulation and human resilience in the face of adversity.
30.10.2026 - 29.03.2027
Kunstmuseum Liechtenstein
Städtle 32, 9490 Vaduz
Presse
Kontext
Einordnung:Anna Jermolaewas künstlerische Praxis verortet sich an der Schnittstelle von politisch engagierter Post-Konzeptkunst und einer biografisch fundierten Erinnerungskultur. Durch mediale Strategien des Archivierens, Sammelns und der fotografischen Spurensicherung – etwa entlang historischer Fluchtrouten von Walter Benjamin und Lisa Fittko – greift sie Tendenzen des *Archival Turn* auf und transformiert persönliche Migrationserfahrungen in universelle Metaphern von Exil und Resilienz. Die materielle Dimension ihrer skulpturalen Assemblagen, in denen subversive Werkstoffe wie geformtes Brot oder militärische Industrieabfälle aus sowjetischen Gefängnissen verwendet werden, evoziert die Ästhetik der Arte Povera und lädt profane Alltagsgegenstände mit widerständigem Bedeutungspotenzial auf. Jermolaewas Verknüpfung von subtiler Machtkritik, Langzeit-Videodokumentation und ökologischen Fragestellungen des Anthropozäns (LAST SEEN SINCE 1970) spiegelt aktuelle diskursive Strömungen wider, die Kunst als relationales, ethisches Werkzeug zur Freilegung gesellschaftlicher Kontrollmechanismen und zur Mobilisierung von Handlungsmacht („Radical Hope“) begreifen.






