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Manuel Kirsch: feste

Selbstdistanzierungsversuche

12.8. bis 14.9.2014 | Brandenburgischer Kunstverein Potsdam
Eingabedatum: 07.08.2014

Um der Öffnung seiner künstlerischen Arbeitsweise willen greift Kirsch zu durchaus ungewöhnlichen Mitteln. So unterbricht er seit 2012 regelmäßig den Arbeitsprozess vieler seiner Bilder, spannt sie vom Keilrahmen ab und wäscht sie unter Hinzufügung von Wasch- oder Bleichmitteln in der Waschmaschine. Erst nach dem Waschgang werden die Leinwände neu aufgespannt und wiederum von Hand vollendet.

Selbstgewählte Automatisierungsprozesse sind in der Malerei schon seit DADA und den Surrealisten bekannt. Kirsch aber zielt nicht auf die Entfesselung des Unbewussten oder die Befreiung des Genies von der Kontrolle durch die Vernunft. Er schaltet die Wäschetrommel mit der genau gegenteiligen Absicht ein: Die Maschine soll einen Teil der künstlerischen Entscheidungsgewalt aus den Werken waschen. Denn der Maschine ist das Werk in seiner Bedeutsamkeit egal. Gibt sie die zerknitterte, geschleuderte Leinwand wieder frei, kann der Künstler nur noch eingreifen und korrigieren. Er wird zum Erfüllungsgehilfen des Prozesses. Der Waschautomat stellt sich seiner Autorität und dem kunsthistorischen Pathos des Mediums Malerei in den Weg.

Die Bilder, die so entstehen, sind erstaunlich. Wer die Geschichte von der Leinwand im Toplader hört, könnte meinen, Kirsch habe einfach nur eine weitere originelle Schlagzeile zur langen Geschichte zeitgenössischer Kunst-Rezepturen hinzufügen wollen. Kirschs Gemälde aber sind keine kochfesten Produkte einer am Reißbrett entworfenen Methode, sondern Ergebnisse eines behutsamen Selbstdistanzierungsversuchs.

Fast scheint es dabei so, als mache der Maler es sich und seinen Ideen absichtlich schwer. Was als schlüssiger Einfall mit zeichnerischer Klarheit beginnt, wird nicht einfach ausgeführt, sondern revidiert, gekontert, unterminiert. Der Künstler misstraut der manifest gewordenen Idee. Er setzt nicht mit ingenieurhafter Konsequenz Konstruktionen zusammen, sondern mischt sich opponierend in seine eigenen Kompositionen ein, überzieht die malerische Ordnung mit zeichnerischem Widerspruch, bis das Werk nicht mehr die Vollstreckung eines anfänglichen Plans, sondern der Live-Mitschnitt einer Desillusionierung ist.

Das allgewaltige Genie, das noch immer als verkaufsförderndes Gespenst auf dem Kunstmarkt am Leben gehalten wird, hat bei Kirsch also Urlaub. Malerei ist für ihn ein Medium zur Hinterfragung des künstlerischen Objekts und am Ende dieses selbstgesetzten Forschungsauftrags scheinen Maler und Betrachter beinahe gleich weit von der Alleinherrschaft über das verselbständigte Bild entfernt.

Wenn sie das Atelier verlassen, sehen Kirschs Bilder deshalb wie Individuen aus, die aus einer anderen Welt zu Besuch gekommen sind. Die Spuren der Reise prägen die Bilder. Woher am Ende die irritierende Magie dieser durch den Schleudergang gezwungenen Objekte rührt kann am Ende der Automatismen, Korrekturen und Revisionen nur der Betrachter für sich selbst entscheiden. Dass weder der Maler noch die Experten ihm diese Erforschungsaufgabe abnehmen können, ist eine klare Botschaft dieser Werke.

Mit feste beginnt der BKV eine neue Ausstellungsreihe, in der in unregelmäßigen Abständen herausragende künstlerische Nachwuchspositionen vorgestellt werden sollen. Die Reihe legt besonderes Gewicht auf neue Methoden und Haltungen und fügt sich so in das übrige Programm des BKV ein, der sich als Labor künstlerischer Arbeitsweisen, nicht als Schauraum kunstbetrieblicher Produktentwicklung versteht.

Geöffnet Dienstag bis Sonntag 12 - 18 Uhr

BKV Brandenburgischer Kunstverein Potsdam e.V.
Ausstellungspavillon auf der Freundschaftsinsel
14467 Potsdam

Presse





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