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GESELLSCHAFT ZUR WERTSCHÄTZUNG DES BRUTALISMUS

THE BRUTALISM APPRECIATION SOCIETY

8. April – 24. September 2017 | HMKV im Dortmunder U
Eingabedatum: 08.04.2017

bilder

Mitte der 1950er Jahre entstand in Großbritannien der radikale Architekturstil des „Brutalismus“. Er zeichnet sich durch Sichtbetonwände und freiliegende Baumaterialien wie Metall, Stein und Ziegel aus. Heute verschwindet er zunehmend aus dem Stadtbild, denn nach und nach werden die zumeist nicht denkmalgeschützten Gebäude abgerissen. Gleichzeitig formieren sich Anhängergruppen – auch im Internet. Darunter ist z.B. die Facebook-Gruppe „The Brutalism Appreciation Society“ (dt. Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus), die sich für den Erhalt der städtebaulichen Zeugnisse aus den 1950er/1960er Jahren einsetzt und weltweit heute über 50.000 Mitglieder hat.

Die von Inke Arns kuratierte Ausstellung Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus zeigt 21 internationale künstlerische Positionen, die sich mit dem brutalistischen Baustil der Nachkriegsmoderne auseinandersetzen, sowie eine Auswahl von Beiträgen aus der namensgebenden Facebook-Gruppe.

Die 21 teilnehmenden Künstler_innen kommen aus elf Ländern: Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kroatien, Österreich, Polen, der Schweiz, Spanien, der Tschechischen Republik und den USA. Viele der Künstler_innen werden zur Ausstellungseröffnung am Freitag, 7. April 2017, anwesend sein.

Neben künstlerischen Medien wie Skulpturen, Videos, Videoinstallationen, Klangkunst, Streetart und Fotografien wird es im Ausstellungsraum auch eine großflächige Graffitiarbeit des international bekannten Graffitikünstlers Darco FBI geben. Die Arbeit wurde vor Ort im HMKV entwickelt und ist bestimmendes Gestaltungselement der Ausstellung.

Ausführliche Darstellung
Prince Charles hat einmal gesagt, dass der Brutalismus in Großbritannien mehr zerstört habe als die Bombardierungen durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu dieser zwar royalen aber doch auch launigen Bemerkung hat der „Brutalismus“ wenig mit Brutalität oder brutaler Architektur zu tun; vielmehr leitet sich der Begriff von Le Corbusiers Formulierung „béton brut“ (wörtlich: roher Beton) ab, dem französischen Ausdruck für „Sichtbeton“. Der Begriff „Brutalismus“ wurde 1953 von der britischen Architektin Alison Smithson geprägt und im Dezember 1955 durch Reyner Banham in seinem Aufsatz „The New Brutalism“ in der Architectural Review in der Fachöffentlichkeit lanciert.

Für den Brutalismus hält Banham in diesem Aufsatz drei zentrale Kriterien fest: 1. formale Lesbarkeit des Grundrisses, 2. klare Zurschaustellung der Konstruktion und 3.
Wertschätzung der Materialien „as found“ [als gegebene]. Banham ergänzt diese Aufstellung noch um eine notwendig präsente Haltung der Kompromisslosigkeit und Radikalität. Als erster brutalistischer Bau gilt die Schule im britischen Hunstanton von Alison und Peter Smithson (1949–1954); auch Bauten von Le Corbusier, vor allem das Kloster Sainte-Marie de la Tourette bei Éveux-sur-l’Arbresle (1953-1960) und die Unités d’Habitation in Marseille (1947-1952), Nantes (1950-1955) und Berlin (1956-1958) waren für den Brutalismus richtungsweisend. Der Baustil des Brutalismus setzte sich in den 1960er Jahren durch, blieb bis in die 1980er Jahre präsent und geriet ab dann vielfach in Verruf. Erst in den letzten zehn Jahren begann eine Phase der Wiederentdeckung, insbesondere angesichts von Abrissen oder entstellender Umbauten.

Warum Brutalismus jetzt?
Ausgangspunkt der Ausstellung Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus im HMKV ist die 2007 gegründete Facebook-Gruppe The Brutalism Appreciation Society (dt. Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus), die Liebhaber brutalistischer Architektur versammelt. Die Gruppe zählt heute weltweit mehr als 50.000 Mitglieder. Allein von Ende 2015 bis heute verdoppelte sich ihre Mitgliederzahl. Ihr Ziel formuliert sie selbst so: „As they start to disappear from our cities, this group is for anyone who appreciates buildings built in
this much maligned architectural style.“

Auch andere Soziale Medien wie zum Beispiel der Twitter-Account This Brutal House (@brutalhouse) oder der Tumblr-Account Fuck Yeah Brutalism (http://fuckyeahbrutalism.tumblr.com/) widmen sich dem radikalen Baustil. Aber wieso ist der Brutalismus heute in den Sozialen Medien überhaupt so populär? Raphael Dillhof formulierte es so: „Verwegen und kompromisslos, hart und meist in dramatischer Untersicht tauchen die Baumonster aus unverputztem Beton in den Timelines der Sozialen Medien auf.“ Laut Dillhof fungiert der Brutalismus dabei als „willkommener Gegenentwurf zur künstlich-durchtechnisierten Investorenarchitektur von Frank Gehry, Zaha Hadid und Co.“ Der Brutalismus sei eine Chiffre für das Authentische – gegen die kulturelle Überfeinerung. Der Lob des Betons ist zu verstehen als ein Statement für das Primitive, gerichtet gegen das Feindbild einer entfremdeten und entfremdenden Moderne. Gleichzeitig sei diese Popularität aber paradox, denn die vor allem vom Brutalismus propagierten (heute größtenteils gescheiterten) „kollektivistischen Wohn- und Lebensformen werden von der dem Individualismus frönenden Instagram-Generation eigentlich abgelehnt.“

Die Ausstellung ist inspiriert von den Aktivitäten der Facebook-Gruppe The Brutalism Appreciation Society – ist jedoch gleichzeitig ein signifikant größeres Folgeformat der außerordentlich erfolgreichen HMKV-Ausstellungen „Jetzt helfe ich mir selbst“ – Die 100 besten Video-Tutorials aus dem Netz (2014) und Digitale Folklore (2015). Diese beiden Projekte zeichneten sich dadurch aus, dass user-generated content, also von Nutzer_innen generierte Inhalte, ausgewählt und in einem spezifischen Ausstellungskontext gezeigt wurden. Die Ausstellung Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus besteht – im Gegensatz zu den beiden anderen Netzkultur-Ausstellungen – vorrangig aus künstlerischen Arbeiten. Diese machen den Hauptteil der Ausstellung aus. Daneben werden auch digitale Einträge aus der Facebook-Gruppe The Brutalism Appreciation Society präsentiert.

Inhaltliche Schwerpunkte der Ausstellung
In der Ausstellung fallen zunächst die künstlerischer Auseinandersetzungen mit existierenden brutalistischen Gebäuden ins Auge. Die österreichische Künstlerin Aglaia Konrad zum Beispiel untersucht gleich zwei Klassiker dieses Genres: Die von Fritz Wotruba erbaute Kirche der Dreifaltigkeit in Wien und die von Claude Parent und Paul Virilio gebaute Kirche Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers. Auch Reto Müller beschäftigt sich mit der bunkerartigen Kirche von Parent und Virilio, stellt dieser aber ein brutalistisches Profangebäude gegenüber: das von Claude Parent entworfene Einkaufszentrum in Ris-Orangis. Heidi Specker portraitiert die Queen Elizabeth Hall im Londoner South Bank Centre, während Kay Walkowiak zu einem Klassiker des Brutalismus von Le Corbusier im indischen Chandigarh reist und die alltägliche Nutzung dieser ‚Wohnmaschine’ dokumentiert.

Tobias Zielony nimmt uns mit nach Neapel und Kiew: in Neapel zu den Betonbauten von Le Vele di Scampia, einer Hochburg der Camorra, und in Kiew zum „Institute of Scientific and Technical Information“, das an ein gerade gelandetes UFO erinnert. Niklas Goldbach reist in das futuristische Pariser Viertel ‚Front de Seine’ und filmt dort beunruhigende Szenen und Verfolgungsjagden. Freya Hattenberger & Peter Simon haben Sounds in der von Gottfried Böhm entworfenen brutalistischen Kirche St. Gertrud in Köln aufgenommen, während Jordi Colomer für „Anarchitektone“ in Barcelona, Bukarest, Brasilia und Osaka demonstriert.

Es finden sich in der Ausstellung auch spekulative Elemente – also Ideen und Phantasien, die Künstler_innen ausgehend von existierenden brutalistischen Strukturen entwickeln. Philipp Topolovac fielen im Prager Stadtbild die riesigen Lüftungsschächte der U-Bahn auf, die er auf Fotos dokumentierte. Vier der Lüftungsschächte wurden darüber hinaus zu Ausgangspunkten für architektonische Spekulationen: Der Künstler versuchte sich vorzustellen, wie die massiven Strukturen unterirdisch weiter verlaufen könnten. Heraus gekommen sind retrofuturistische Raumschiffe, die Topolovac als faszinierende Skulpturen präsentiert. Nicolas Moulin spinnt einen Plan des deutschen Architekten Herman Sörgel weiter, den dieser Ende der 1920er Jahren entwickelt hatte: Mittels eines riesigen Staudammprojektes (Atlantropa) an der Meeresenge von Gibraltar wollte dieser das Mittelmeer um mehrere hundert Meter absenken, um so einen neuen Kontinent, bestehend aus Europa und Afrika, zu schaffen. Moulin nennt diesen neuen Erdteil „Azurasia“ und entwirft für diesen eine neue brutalistische (Haupt-)Stadt. Für Ruben Woodin Dechamps & Oscar Hudson werden die brutalistischen Partisanendenkmäler im ehemaligen Jugoslawien zum Ausgangspunkt einer verrückten Geschichte: Sie interviewen in ihrem Film einen Mann, der behauptet, seit 30 Jahren Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation zu haben. Und Alekos Hofstetter ist davon überzeugt, dass nichts so schnell altert, wie die Vorstellung von Zukunft – auch in der Architektur. In seiner Arbeit setzt er sich mit einer „inzwischen obsolet gewordenen Beton-Zukunft“ auseinander.

Brutalismus und sozialistische Plattenbauten sind konzeptuell gar nicht so weit voneinander entfernt – darauf verweisen in der Ausstellung die Arbeiten von Andrea Pichl, Darko Fritz und EVOL. Andrea Pichl verwendet ein architektonisches Detail aus der ersten, zwischen 1947- 1952 gebauten ‚Wohnmaschine’ von Le Corbusier in Marseille, um Fertig-Betonbauteile, Fotos von Plattenbauten aus dem usbekischen Taschkent und einzelne, aus leerstehenden Gebäuden abmontierte „Türen und Fenster aus der Platte“ anzuordnen. Darko Fritz zeichnet mit Hilfe von Archivaufnahmen, Architekturmodellen, alten Fotografien und Computeranimationen die Expansion der kroatischen Hauptstadt Zagreb in den 1960er und 1970er Jahren mit einer Mischung aus Witz und Ironie nach. Und EVOL überrascht mit einer kompletten Miniatur-Plattenbausiedlung auf sechs Europaletten. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich um Porenbetonsteine handelt, die der Berliner Streetart-Künstler mit kleinen Fenstern beklebt hat.

Einige Arbeiten in der Ausstellung beziehen sich nicht direkt auf den Architekturstil, sind aber in ihrem Umgang mit dem Material und Medien nah am Materialverständnis des Brutalismus: Martin Kohout hat mit seinem Mobiltelefon eine Art Skateboarding-Video aufgenommen: Es ratscht mit dem Gerät über Geländer, schrammt an Wänden entlang, rattert über Asphalt und Mauern, bis die Kamera ihren Geist aufgibt. Der Sound macht aus dem visuellen Erlebnis ein regelrecht physisches. Bettina Allamodas Arbeit, die sie speziell für den Ausstellungsraum des HMKV entwickelt hat, besteht aus einer langen Stoffbahn, die sie straff zwischen einige der tragenden Säulen gespannt hat. Die französische Künstlerin Anne-Valérie Gasc ermöglicht uns eine ungewöhnliche Perspektive auf den üblichen Umgang mit ungeliebter Architektur: Sie platziert im Inneren von zum Abriss freigegebenen Gebäuden Kameras, die die Detonation aus nächster Nähe filmen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes verstörende Erfahrung.

Und schließlich werden Strategien der Aneignung präsentiert, die fast immer in Zusammenhang mit massiver Betonarchitektur auftauchen: Skateboarding und Graffiti. Kay Walkowiak lässt den spanischen Profi-Skater Kilian Martin über minimalistische Skulpturen skateboarden, während Tobias Zielony die Jugendlichen beobachtet, die in der neapolitanischen Hochhaussiedlung Le Vele di Scampia abhängen. Der Graffitikünstler Darco FBI hat im Ausstellungsraum fünf große Bilder gesprüht, die selbst wiederum Elemente von brutalistischen Architekturen aufnehmen.

Kuratiert von Inke Arns
Teilnehmende Künstler_innen:
Bettina Allamoda (US/DE), Jordi Colomer (ES), Darco FBI (DE/FR), EVOL (DE), Darko Fritz (HR), Anne-Valérie Gasc (FR), Niklas Goldbach (DE), Freya Hattenberger & Peter Simon (DE/PL), Alekos Hofstetter (DE), Martin Kohout (CZ), Aglaia Konrad (AT/BE), Nicolas Moulin (FR/DE), Reto Müller (CH), Andrea Pichl (DE), Heidi Specker (DE), Philip Topolovac (DE), Kay Walkowiak (AT), Ruben Woodin Dechamps & Oscar Hudson (UK), Tobias Zielony (DE), Jordi Colomer, Anarchitekton (Bucharest) 2003

HMKV im Dortmunder U
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund
hmkv.de

Presse






Daten zu Heidi Specker:

- ars viva Preistraeger

- Sammlung DZ Bank, Frankfurt

- Sammlung zeitgenoessische Kunst der BRD

Weiteres zum Thema: Heidi Specker



50 Jahre / Years documenta 1955-2005 - Kunsthalle Fridericianum Kassel (1.9.-20.11.05)


" Die Geschichte der documenta von ihren Anfängen als Begleitausstellung zur Bundesgartenschau (1955) bis hin zur documenta 11 (2002) ist voller Widersprüche und Brüche, in der sich unterschiedliche künstlerische und kuratorische Leidenschaften, Philosophien und Theorien ebenso spiegeln wie politische und gesellschaftliche Zeitströmungen. 50 Jahre documenta sind 50 Jahre Kunst- und Zeitgeschichte, die nicht linear zu fassen sind.

Die Ausstellung 50 Jahre / Years documenta 1955 - 2005 konzentriert sich auf die Brüchigkeit dieser Geschichte, betrachtet aus heutiger Perspektive. Indem das Archivmaterial und die Kunst im Wesentlichen unkommentiert bleiben, eröffnen sich Besucherinnen und Besuchern vielseitige Möglichkeiten subjektiver Vergleiche, Erinnerungen und atmosphärischer Einblicke.

Um möglichst viele Sichtweisen zu präsentieren, ist die Ausstellung in fünf Kapitel untergliedert: ein archivarisches, ein kunsthistorisches, ein ortspezifisches, ein filmisches und ein wissenschaftliches. Diese einzelnen Kapitel durchkreuzen und ergänzen sich gegenseitig.

archive in motion
Um dem singulären Charakter einer jeden documenta gerecht zu werden, wird das vielfältige dokumentarische Material in elf separaten Kammern präsentiert. Diese Form der Darstellung ermöglicht einen direkten Zugang zu den Archivalien und macht sie lesbar. Begleitet wird diese Zusammenstellung von Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die in Auseinandersetzung mit jeweils einer documenta auf das Archiv reagieren. Ihre Arbeiten schlagen eine erweiterte Sicht der Dinge vor und demonstrieren - neben dem dokumentarischen – einen kreativen Umgang mit dem Archiv.

Künstlerinnen und Künstler
William Engelen | Friederike Feldmann | Sabine Groß | Katrin von Maltzahn | Katharina Meldner | Jonathan Monk | Alexander Roob | Tilo Schulz | Andreas Seltzer / Heike Vogler | Heidi Specker | Kai Vöckler

Diskrete Energien
Dieser Teil der Ausstellung bringt bekannte und weniger bekannte Arbeiten der vergangenen elf documenta-Ausstellungen zurück nach Kassel. Ziel ist es allerdings nicht, den mittlerweile etablierten Kanon der Moderne nach 1945 zu rekapitulieren. Die ausgewählten Werke verhalten sich gegenläufig zur Kunstgeschichtsschreibung, weil sie sich dem Museum entziehen, zu poetisch oder anarchisch sind. Es sind Werke, die einerseits auf Kontemplation, andererseits auf einen unbedingten Realismus setzen; die aus minimalen Gesten, akribischer Mimesis oder atmosphärischer Setzung bestehen. Sie sind diskret, weil sie sich nicht aufdrängen.

documenta-Arbeiten von:
Eija-Liisa Ahtila | Giovanni Anselmo | Ida Applebroog | Art & Language | Jo Baer | Thomas Bayrle | Samuel Beckett | Joseph Beuys | Zarina Bhimji | Guillaume Bijl | Julius Bissier | Bernhard Blume | Christian Boltanski | George Brecht | Marcel Broodthaers | John Cage | Luis Camnitzer | Robert Capa | Lawrence Carroll | Christo | Lygia Clark | William Copley | Marcel Duchamp | Ed Emshwiller | Walker Evans | Jean Fautrier | Robert Filliou | Fischli & Weiss | Lucio Fontana | Terry Fox | Malcolm Goldstein | Rodney Graham | Johan Grimonprez | Ulrike Grossarth | Hans Haacke | Richard Hamilton | Peter Handke | Karl Hartung | Werner Heldt | Pierre Henry | Ernst Hermanns | David Hockney | Mauricio Kagel | R.B. Kitaj | Pierre Klossowski | Alison Knowls | Ferdinand Kriwet | Wilhelm Lehmbruck | George Maciunas | Piero Manzoni | Agnes Martin | Gordon Matta-Clark | Henri Michaux | Paula Modersohn-Becker | Malcolm Morley | Bruce Nauman | Claes Oldenburg | Nam June Paik | Pier Paolo Pasolini | Markus Raetz | Gerhard Richter | Dieter Roth | Ed Ruscha | Reiner Ruthenbeck | Rob Scholte | Jan Schoonhoven | Seth Siegelaub | Robert Smithson | Nancy Spero | Mark Tansey | Paul Thek | André Thomkins | Mark Tobey | Heinz Trökes | Hans Uhlmann | Ed van der Elsken | Maria Helena Vieira da Silva | Weegee | William Wegman | Fritz Winter | Krzysztof Wodiczko | Adolf Wölfli | Wols

Vor Ort
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums weist die Ausstellung ausdrücklich auf die einmaligen documenta-Arbeiten im Stadtraum von Kassel hin. Eine Broschüre mit Stadtplan (Preis: 2 Euro) stellt alle gesicherten Kunstwerke im öffentlichen Raum in ihrem historischen und städtischen Kontext vor und ruft sie wieder in das allgemeine Bewusstsein.

Kino
Bisher war nur in Ansätzen bekannt, dass Arnold Bode zur ersten documenta (1955) auch ein Filmprogramm organisierte, das seiner Intention einer Neubewertung der Künste nach dem Faschismus entsprach. Er zeigte dort neben den ehemals „entarteten“ Klassikern der Filmkunst auch Kurzfilme über Künstler und Schriftsteller, amerikanische und französische Zeichentrickfilme sowie Experimentalfilme. Dieses Programm wird anlässlich der Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filminstitut Frankfurt/Main, dem Institut für Medienforschung der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, dem Filmladen Kassel e. V. und den BALi Kinos im KulturBahnhof rekonstruiert und wissenschaftlich bearbeitet. Es wird während der Ausstellungsdauer in Kassel gezeigt. Das ausführliche Filmprogramm können Sie sich hier als pdf-Dokument ansehen.

Filme: Berlin– Sinfonie einer Großstadt von Walter Ruttmann, M- eine Stadt sucht einen Mörder von Fritz Lang, Un Chien Andalou von Luis Buñuel, Von Renoir bis Picasso von Paul Haesaerts, Willi Baumeister malt und Neue Kunst – neues Sehen von Ottmar Domnick sowie Jazz in Farben, Hen Hop und Blinkity Blank von Norman McLaren u. a.

Aufführung des Films La Passion de Jeanne d'Arc (1928) von Carl Theodor Dreyer am 30. September 2005 im Staatstheater Kassel mit Orchesterbegleitung.

Tagung
Die Tagung documenta zwischen Inszenierung und Kritik soll nicht nur den Stand der documenta-Forschung zusammenfassen, sondern neue Perspektiven, Fragestellungen und Reflexionen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunstausstellung entwickeln. Im Mittelpunkt stehen die drei Bereiche Inszenierung, Internationalität und Kritikgeschichte der documenta. Die Tagung wendet sich nicht ausschließlich an das Fachpublikum, sondern möchte auch einen weiten Kreis von Interessierten ansprechen. Alle Vorträge werden 2006 in einem Tagungsband veröffentlicht.

documenta zwischen Inszenierung und Kritik
27. Oktober – 30. Oktober 2005
Evangelische Akademie Hofgeismar

Mit Beiträgen von Roger M. Buergel, Harald Kimpel, Geert Lovink, Sarat Maharadj, Roland Nachtigäller, Ursula Panhans-Bühler, Rudolf Schmitz, Noemi Smolek u. a.

Publikation
Begleitend zur Ausstellung erscheint im Steidl Verlag eine zweibändige Publikation mit Beiträgen von Elke Bippus, Roger M. Buergel, Dieter Daniels, Martin Engler, Michael Glasmeier, Philipp Gutbrod, Barbara Heinrich, Stefanie Herbst, Justin Hoffmann, Lutz Jahre, Harald Kimpel, Heike Klippel, Christoph Lange, Wolfgang Lenk, Annelie Lütgens, Gabriele Mackert, Roland Nachtigäller, Agnes Prus, Friedhelm Scharf, Gisela Schirmer, Bettina Steinbrügge, Karin Stengel, Annette Tietenberg, Ulrich Wegenast." (Presse / Kunsthalle Fridericianum Kassel)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag 11 bis 20 Uhr, Montag geschlossen

Kunsthalle Fridericianum
Friedrichsplatz 18
D-34117 Kassel


click doubleclick – das dokumentarische Moment - Haus der Kunst, München (8.2.-23.4.06)


Die Fotografie befindet sich im Moment in einer Phase des Umbruchs, in der ein veränderter Begriff des Dokumentarischen entsteht. Dabei geht es weniger um eine Darstellung der Wirklichkeit als vielmehr um eine künstlerisch begründete Vorstellung von Welt.

Der Titel der Ausstellung steht symbolisch verkürzt für das technische Übergangsstadium der Fotografie von einer analogen - click - zu einer digitalen, mit dem Computer erzielten Technik der Bildherstellung - doubleclick. Trotz verschiedener Produktionsmethoden und bildnerischer Strategien gibt es das gemeinsame Element der subjektiven Sicht auf die Wirklichkeit in der Formensprache des Dokumentarischen.

Als Walker Evans (1903-1975) zum Ende seines Lebens gefragt wurde, ob seine Fotografien Dokumente seien, antwortete er, dass die Polizei fotografische Dokumente eines Tatortes herstelle, es sich aber bei seinen Bildern um Fotografien im dokumen-tarischen Stil handele. Bei Aufnahmen dieser Art geht es also nicht um eine klassische Form der Dokumentarfotografie, deren Ziel die fotografische Verdopplung des Motivs ist, sondern um das Formulieren einer persönlichen Sehweise, die auch das Verhältnis des Fotografen zur Welt zeigt.

Die ausgewählten Fotografinnen und Fotografen verbindet das Interesse am gültigen Bild. Ihre Werke dienen nicht vorrangig der Illustration soziologischer, politischer oder anthropologischer, sprich gesellschaftlicher Themen. Ihre Arbeiten reflektieren diese Themen zwar und beziehen ihren Stoff aus der Auseinandersetzung mit ihnen, sie sind aber als künstlerische Selbstäußerungen zu verstehen, die sich im Dialog entwickeln. Ihre Bilder haben keinen Belegcharakter, sie stellen sich nicht in den Dienst der Wissenschaft, sie haben keinen Nutzen. Vielmehr formulieren sie einen Glauben an das Kunstwerk als ästhetisches Objekt mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Gleichzeitig weisen die vorgestellten Werke - trotz ihrer unterschiedlichen Produktions-arten - eine Welthaltigkeit auf, eine enge, wahrhaftig erscheinende Verbindung mit ihren Motiven, die man als dokumentarisches Moment bezeichnen kann. Ihre jeweilige Konstruktion von Authentizität kann sich als Summe von Einzelteilen einer fotografischen Serie oder als Verdichtung verschiedener Aufnahmen zu einem digital bearbeiteten Einzelbild ausdrücken, als beabsichtigte Behauptung oder als intendierte Künstlichkeit. Der Betrachter der individuellen Bildfindungen versucht die Konstruktion zu dechiffrieren, immer schwankend zwischen Erkennen und Verwerfen, Staunen und Faszination, Glauben und Zweifel.

click doubleclick vereint Werkgruppen international anerkannter Fotografinnen und Fotografen mit Arbeiten einer jüngeren Generation: Tina Barney, USA; Laurenz Berges, D; Dirk Braekman, B; David Claerbout, B; Luc Delahaye, F; Rineke Dijkstra, NL; Patrick Faigenbaum, F; Stephen Gill, GB; Paul Graham, GB; Andreas Gursky D; Scott McFarland, CAN; Hans van der Meer, NL; Martin Parr, GB; Judith Joy Ross, USA; Thomas Ruff, D; Taryn Simon, USA; Alec Soth, USA; Heidi Specker, D; Jules Spinatsch, CH; Thomas Struth, D; Larry Sultan, USA; Juergen Teller, D; Wolfgang Tillmans, D; Jeff Wall, CAN.

Die Fotografien von Laurenz Berges, Andreas Gursky, Taryn Simon und Juergen Teller haben im Haus der Kunst ihre Weltpremiere. Die Werke von Tina Barney, Dirk Braekman, David Claerbout, Stephen Gill, Paul Graham, Scott McFarland, Martin Parr, Alec Soth, Jules Spinatsch und Wolfgang Tillmans feiern ihre Deutschlandpremiere. Auch die Arbeiten von Luc Delahaye, Rineke Dijkstra und Thomas Ruff sind zum Teil zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. (Presse / Haus der Kunst)

Abbildung: Martin Parr, Mexico, Mexico City, 2002, From the series "Parking spaces", C-Print, 31 x 41 cm, © Martin Parr/Magnum Photos






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