Harun Farocki: Counter Music

10. 03.- 28. 05. 2017 | Haus der Kunst München
Eingabedatum: 12.03.2017

Werkabbildung

"Arbeiter verlassen die Fabrik in elf Jahrzehnten" © Harun Farocki, 2006bilder

Harun Farocki (1944-2014) war Leitfigur in einer Szene von Filmemachern und Intellektuellen, die sich in Europa Ende der 1960er-Jahre im Zuge brisanter politischer Debatten entwickelt hatte. In dieser Zeit kamen auch die Fragen nach den Produktionsbedingungen des Filmemachers und Autorenfilmers, sowie nach der analytischen Rolle des Kinos mit Blick auf gesellschaftspolitische Ereignisse auf.

In seiner langen, einflussreichen Karriere schuf Farocki über 90 Filme, darunter Spielfilme und Filmessays, Fernseh- und Dokumentarfilme; weiterhin Installationen, Texte, Ausstellungen und Projekte in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. „Harun Farocki: Counter Music" greift auf dieses umfangreiche Gesamtwerk zurück. Die aktuelle Unzufriedenheit mit Praktiken der Arbeitswelt, und auch die massenhafte Vertreibung von Arbeitskräften unter dem Deckmantel der Globalisierung geben Farockis Nachforschungen und seinem facettenreichen Werk neue Dringlichkeit und Nachdruck.

Die Spannungen und Widersprüche der Arbeitswelt haben in Farockis filmischem Vermächtnis zentrale Bedeutung. Insbesondere haben ihn die verschiedenen Arten von Produktion und Konsum interessiert, und wie sich diese im Laufe der Jahrzehnte entwickelt haben. In dem filmischen Essay „Arbeiter verlassen die Fabrik" (1995) etwa richtet sich die Kamera auf die Tore von Fabriken, die sich bei Schichtende öffnen und einen Strom von Arbeiterinnen und Arbeitern entlassen. Sie haben es eilig, das Fabrikgelände zu verlassen, als habe ihnen der Arbeitstag Lebenszeit gestohlen, die es nun nachzuholen gilt.

Auch wenn das Produkt, an dessen Herstellung die Arbeitskräfte in „Arbeiter verlassen die Fabrik" beteiligt sind, nicht genannt wird und in diesem Zusammenhang nicht von Interesse ist: es ist ein greifbares Produkt. In „Nothing Ventured" (2004) ist dies noch indirekt der Fall. Der Film zeigt zwei Repräsentanten einer Firma, die berührungslose Sensoren herstellt, in der Verhandlung mit Investoren. Die Gesprächsführung ist zentrales Thema. Beide Seiten beherzigen das Konzept von Kaufmannsehre. Dass die Vertreter der Firma Vertrauen in ihre Aufträge und in ihr Produkt haben, beeindruckt wiederum die Investoren und bewirkt, dass sie sich entgegenkommend verhalten. Der Film zeigt die tatsächlichen Verhandlungen über den Kredit mit den ‚echten‘ Akteuren - wobei das Bewusstsein, gefilmt zu werden, sowohl den Akteur in der Handlung beeinflussen mag, als auch den Betrachter in der Wahrnehmung.

Als Beispiel für immateriell gewordene Arbeit zeigt Farocki die Leistung von Beraterfirmen, die sich beim Kunden mit ihrem Portfolio um Aufträge bewerben. Mit seinen Filmen dokumentiert Farocki, wie sehr auch Sprachgewohnheiten und Fachjargons - von Unternehmenskultur, Visionen, Investmentkapital u.Ä. - dem Zeitgeist unterworfen sind, wie etwa das Modell eines wechselnden Arbeitsplatzes (Open-Space-Office) im Firmengebäude, an dem der Angestellte morgens „eincheckt".

„Counter Music" (2004) zeigt Bilder der Lebensadern einer Stadt bei Nacht, aufgenommen von Überwachungskameras ohne menschliches Zutun, in den Haltestellen der U-Bahn oder an Straßenecken. Die menschliche Arbeit besteht im Sichten dieser Flut von Bildern auf einer Vielzahl von Monitoren. Regulationsmethoden der Überwachung in privaten und öffentlichen Bereichen sowie die zunehmende Digitalisierung und Verbreitung stehender und bewegter Bilder sind eine weitere Konstante im Werk von Farocki.

Zu seinen filmischen Verfahren gehören Wiederholung, Zusammenschnitt, Montage und Fetischisierung. Der Film „Ein Bild" (1983) widmet sich der Produktion des Playmate-Cover-Fotos für ein Hochglanzmagazin: die Vorbereitungen und Einbauten im Studio, das Shooting mit Modell, und anschließend der Rückbau des Studios. Fetisch ist hier der weibliche Körper. Farockis Werk erschließt sich als eine Archäologie der Arbeitsprozesse, die sich in den vergangenen Jahrzehnten ständig weiter verändert haben und zusätzlich durch mediale Verbreitung und Rezeption verschoben wurden.

„Harun Farocki: Counter Music" wird vom Haus der Kunst in Zusammenarbeit mit der Sammlung Goetz organisiert und durch die Galerie Thaddaeus Ropac, Paris / Salzburg und Greene Naftali Gallery, New York unterstützt. Haus der Kunst bedankt sich bei der Harun Farocki GbR für die Unterstützung.

Samstag 22. April 2017, 21 Uhr
Münchner Kammerspiele, Kammer 2

Harun Farocki
Filmnacht zum Thema Arbeit

Programm
21 Uhr Einführung
Film
Wie man sieht, 1986, 72 Min., deutsch mit englischen Untertiteln
22.25 Uhr Gespräch
Antje Ehmann und Rembert Hüser
23.10 Uhr
Filme
-Jean-Marie Straub und Daniele Huillet bei der Arbeit an Franz Kafkas Romanfragment Amerika, 26 Min., deutsch mit englischen Untertiteln
-Aufstellung, 16 Min., deutsch mit englischen Untertiteln
24 Uhr
Gespräch
Antje Ehmann und Rembert Hüser
00.30 Uhr
-ENDE-

Die Harun-Farocki-Filmnacht im Rahmen dieser Ausstellung ist eine Kooperation mit den Münchner Kammerspielen und KINO DER KUNST.

Eintritt: 9 €/ ermäßigt 5 €

Tickets erhältlich online auf der Webseite des Haus der Kunst und der Münchner Kammerspiele sowie an den jeweiligen Tageskassen.

Bildmaterial steht unter zur Verfügung.



Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH
Prinzregentenstraße 1
80538 München

hausderkunst.de


Presse






Daten zu Harun Farocki:

- Art Basel 2013
- Art Basel Miami Beach 2013
- art basel miami beach, 2014
- Bienal de Sao Paulo, 2010
- Biennale Venedig 2013
- Biennale Venedig 2015
- documenta 10, 1997
- documenta 12, 2007
- Galerie Barbara Weiss
- Galerie Thaddaeus Ropac
- Göteborg Biennial for Contemporary Art, 2009
- Greene Naftali
- Gwangju Biennale, 1997
- Kunstverein für die Rheinlande, Düsseldorf 2015
- Kunstverein Hamburg 2015
- MoMA Collection
- Museo Reina Sofía, Collection
- Museo Reina Sofía, Minimal Resistance
- Playtime, 2014
- Preisträger, Kunstpreis der Roswitha Haftmann-Stiftung
- Sammlung zeitgenoessische Kunst der BRD
- Shanghai Biennale, 2014
- Sharjah Biennial 13, 2017
- Taipei Biennale 2012
- Venedig 2013 Pav
- Whitstable Biennale 2006 - 2012

Weiteres zum Thema: Harun Farocki



M_ARS - Kunst und Krieg


Nach zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert haben wir uns in Europa für Jahrzehnte der Illusion eines beständigen Friedens hingegeben. Doch entstehen Krisenherde immer wieder nicht nur weltweit, sondern auch mitten in Europa. Wir haben uns daher der Frage zu stellen, ob das freudsche Diktum noch gilt: »Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg«. Könnte es nicht sein, dass in der Kulturentwicklung selbst Momente enthalten sind, die die Kriegsbereitschaft fördern? Ist es möglich, dass die Kunst nicht nur pazifistische, sondern auch militärische Intentionen hat? Gibt es, nach Paul Virilio, nicht nur eine Kunst des Schreckens, sondern auch einen Schrecken der Kunst? Wie kann in Zeiten des Amoks, des Terrors, des Krieges eine Kunst aussehen, die eine Plattform für humanitäre Agenden gegen Gewalt und Ungerechtigkeit sein will?

Ausgehend von Freuds berühmten Schriften Das Unbehagen in der Kultur (1930) und Warum Krieg (1933) versammelt das Buch rund 120 ausgewählte Positionen der internationalen Gegenwartskunst. Es untersucht, warum der Prozess der fortschreitenden Zivilisation immer wieder unterbrochen wird und widmet sich dabei neben den psychischen und sozialen Veränderungen, die der Krieg hervorruft, vor allem auch den daran beteiligten medialen Vorgängen - etwa dem Bilderkrieg, dem Informationskrieg.

Die vorgestellten Künstler (Auswahl):

Art in Ruins, Vanessa Beecroft, Olaf Breuning, Chris Burden, Jake & Dinos Chapman, Jordan Crandall, Tacita Dean, Harun Farocki, Leon Golub, Johan Grimonprez, Damien Hirst, Jenny Holzer, Martin Kippenberger, Paul McCarthy , Tracey Moffatt, Yoshitomo Nara, Bruce Nauman Tony Oursler, Martha Rosler, Thomas Ruff, Wolfgang Tillmans

Ausstellung: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz 10.1.- 26.3.2003


M_ARS - Kunst und Krieg
Hrsg. Peter Weibel, Günther Holler-Schuster, Texte von Michel Foucault, Justin Hoffmann, Tom Holert, Andreas Lange, Florian Rötzer, Rolf Sachsse, Peter Sloterdijk, Paul Virilio, Peter Weibel u.a.
Deutsch
500 S., 634 Abb., davon 521 farbig
21,40 cm x 27,50 cm
gebunden
2003, lieferbar
EUR 29,00 SFR 49,00
ISBN 3-7757-1312-3

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Die zehn Gebote - eine Kunstausstellung im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden (19.6.-5.12.04)


Das erste Gebot lautet: "Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Was zeitgenössische Künstler zu diesem und den 9 anderen Geboten zu sagen haben, zeigt jetzt die erste große Sonderausstellung des DHMD in Dresden nach seiner Wiedereröffnung. Die von Klaus Biesenbach (Kunst-Werke Berlin, PS1/MoMA New York) kuratierte Schau präsentiert auf 1.500 m2 rund 100 Arbeiten von 69 internationalen Künstlern.

". . . Die Ausstellung zeigt die Sichtweise von aktueller Kunst auf die heutige Welt und befragt die Zehn Gebote somit konsequent aus einer Gegenwartsperspektive: Ist das Jahrtausende alte Regelwerk der Zehn Gebote in einer durch Globalisierung gekennzeichneten Welt noch bindend? Kurator Klaus Biesenbach: "Die Zehn Gebote und ihre möglichen Bedeutungen in der heutigen Welt standen am Beginn der Ausstellungsplanung. Wir haben die Zahl Zehn auch als Gliederungsprinzip der Ausstellung beibehalten. Die gezeigten Kunstwerke sind nicht in direkter Auseinandersetzung mit den einzelnen Geboten entstanden, sie illustrieren sie nicht, sondern wurden vielmehr so ausgewählt, dass sie Sichtweisen auf gesellschaftliche, ethische Spannungsfelder der heutigen Welt zeigen."

Der hochaktuelle politische wie ethische Hintergrund, für den viele der gezeigten Kunstwerke ein eigenes Bild und überraschende Betrachtungsweisen entwickeln, liegt in den medialen, politischen und wirtschaftlichen Vernetzungen, die heute neue Fragen an den Einzelnen und die Gesellschaft stellen. Die globalisierte Welt ist gekennzeichnet durch eine extreme ökonomische Ungleichheit, und es wird immer deutlicher, dass der Lebensstil der Privilegierten nicht als Maßstab für alle durchgesetzt werden kann. So wie die biblischen Zehn Gebote ausdrücklich zu einem Individuum sprechen, richten die Kunstwerke ihre Fragen an den Einzelnen und seine eigenen ethischen Überzeugungen.

Welche Lebensbedingungen bestimmen heute den Einzelnen und welche Wertesysteme bieten eine verbindliche Orientierung? Kommt der Religiosität eine neue Bedeutung zu? Nicht nur innerhalb der westlich geprägten Gesellschaften werden wieder religiöse Handlungsmotivationen sichtbar; auch weltweit steht dem Vordringen der modernen, rationalisierten Wirtschafts- und Lebensformen ein - zumindest religiös motivierter - Fundamentalismus gegenüber, der die These von einer durchgreifenden Säkularisierung fragwürdig macht. Das Religiöse erscheint heute zwischen Spiritualität und Fundamentalismus einerseits, zwischen Konsumhedonismus und Instrumentalisierung andererseits.

Nach einer kulturgeschichtlichen Einführung zur Überlieferung der Zehn Gebote ermöglichen künstlerische Statements dem Besucher, die Gültigkeit tradierter ethischer Werte zu hinterfragen. Wie viele Freiheiten kann sich eine Gesellschaft nehmen, ohne Konflikte mit anderen Gemeinschaften zu provozieren? Wie viel Fürsorge und Solidarität sind notwendig, um eine soziale Ordnung nach innen aufrecht zu erhalten? Wie viel Toleranz braucht der Mensch in einer kulturell, religiös und ethnisch vielfältigen Welt?

TEILNEHMENDE KÜNSTLER
Adel Abdessemed, Laylah Ali, Francis Alÿs, Yael Bartana, Marc Bijl, Maurizio Catellan, Janet Cardiff, Minerva Cuevas, Henry Darger, Jirí David , Thomas Demand, Michael Elmgreen & Ingar Dragset, Cerith Wyn Evans, Harun Farocki, Sylvie Fleury, Parastou Forouhar, Kendell Geers, Felix Gonzalez-Torres, Shilpa Gupta, Andreas Gursky, Mathilde ter Heijne, Carsten Höller, Martin Honert, Jonathan Horowitz, Mustafa Hulusi, Emily Jacir, Christian Jankowski, Yeondoo Jung, Kimsooja, Sigalit Landau, Armin Linke, Mark Lombardi, Ján Mancuska, Teresa Margolles, Tony Matelli, Adam McEwen, Aernout Mik, Boris Mikhailov, James Morrison, Gianni Motti, Olaf Nicolai, Tim Noble & Sue Webster, Orlan, Tony Oursler, OVNI-Observatori de Video No Identificat, Pier Paolo Pasolini, Paul Pfeiffer, Daniel Pflumm, Daniela Rossell, Thomas Ruff, Anri Sala, Nebojsa Seric - Shoba, Efrat Shvily, Santiago Sierra, Shazia Sikander, Taryn Simon, Dayanita Singh, Aleksandr Sokurov, Erik Steinbrecher, Stih & Schnock, Ricky Swallow, Fatimah Tuggar, Usine de Boutons, Anne Wallace, Marijke van Warmerdam, Jasmila Zbanich, Andrea Zittel.

DER AUSSTELLUNGSKATALOG
"Die Zehn Gebote": Herausgegeben von Klaus Biesenbach für das Deutsche Hygiene-Museum, Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2004, 288 Seiten, ca. 25 €, ISBN 3-7757-1453-7

Das Buch zur Ausstellung stellt in künstlerischen Beiträgen und Essays die Motivationen und Ideale, die Regeln und Pflichten, die Rechte und Freiheiten des Individuums in einer als Ganzes gedachten Welt zur Diskussion und rückt damit die Aktualität der Zehn Gebote in den Mittelpunkt. Mit Beiträgen von Dennis Altman, Kevin Bales, Klaus Biesenbach, Gabriele Cleve, Frank Crüsemann, Isabelle Graw, Christiane Grefe, Geneviève Hesse, Christian Höller, Dietmar Mieth, Ulf Poschardt, Navid Kermani, Hartmut Krauss, Roger N. Lancaster, Christiane Leidinger, Niklas Maak, Alexander Meschnig, Desmond Morris, Ilona Ostner, Linda Singer, Susan Sontag und Jan Verwoert.

RAHMENPROGRAMM
Begleitend zur Ausstellung findet am 5. und 6. November 2004 im Deutschen Hygiene-Museum eine interdisziplinäre Tagung über ethische und religiöse Bedeutungen der Zehn Gebote in Kooperation mit dem Soziologen Prof. Dr. Hans Joas (Erfurt/Chicago) statt." (Quelle: Presse / DHMD )

Foto: Olaf Nicolai, A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus, 2000, Polyester, Textilien, Wasser, elektronische Pumpe, 90 x 268 x 156 cm, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Ausstellungsdauer: 19. JUNI BIS 5. DEZEMBER 2004
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr | Montag geschlossen

Deutsches Hygiene-Museum | Lingnerplatz 1 | 01069 Dresden | Tel: 0351 - 48 46-0

dhmd.de

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  • European Media Art Festival, Osnabrück (20. bis 24. April 2005)

  • Sichtbarkeiten_Zwischen Fakten und Fiktionen, Edith-Ruß-Haus, Oldenburg (21.1.-19.3.06)

  • Documenta 12 Videos, News und Service

  • 22. European Media Art Festival - Osnabrück (22.4.-26.4.09)

  • Nude Visions. 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie - MKG Hamburg

  • Harun Farocki. Umgiessen - Osram Art Projects, München

  • My War. Partizipation in Kriegszeiten - Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg

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