Spezial: Eva Biringer für art-in.de aus Wien: William Kentridge: Fünf Themen - Albertina Wien


Eingabedatum: 22.11.2010

Spezial: Eva Biringer für art-in.de aus Wien: William Kentridge: Fünf Themen - Albertina Wien

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William Kentridge
Vielleicht ist man gar nicht mehr in der Albertina. Vielleicht hat man Wien verlassen und befindet sich jetzt in Johannesburg, in Kentridges Atelier. Dafür spricht die Dunkelheit, die einen beinahe andächtig werden lässt und die dichte Atmosphäre des Filmes, der auf sieben einzelnen Screens abläuft und den Betrachter einlädt, einen Blick über die Schulter des Künstlers zu werfen.
7 Fragments for Georges Méliès ist eine Hommage an eben diesen französischen Regisseur, dessen Stummfilme einigen Einfluss auf William Kentridge hatten und zugleich eine Selbstreflexion auf die Genese künstlerischer Arbeit, auf den Entstehungsprozess kreativen Schaffens. Das Atelier ist hierbei Dreh- und Angelpunkt, magisch und fremdartig zugleich, und gerne bleibt man lange sitzen in der Hoffnung, dem Geheimnis dieses Ausnahmekünstlers ein Stück weit auf die Spur zu kommen.

William Kentridge, geboren 1955 in Johannesburg, Südafrika, hat sich nach über dreißig jähriger künstlerischer Arbeit als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler etabliert.
Maßgeblich dazu beigetragen haben seine Animationsfilme, die eng mit dem Medium Zeichnung verknüpft sind; daneben umfasst sein Oeuvre aber auch Skulpturen, Collagen, Lithographien, Tapisserien und Theaterproduktionen.
Komplex ist auch die thematische Ausrichtung: Von der bereits genannten Reflexion auf die eigene künstlerische Arbeit, über die Bearbeitung dramaturgischer und literarischer Vorlagen und die Analyse historischer Ereignisse bis hin zum kritischen Hinterfragen aktueller sozial-politischer Zustände in seinem Heimatland reicht die Bandbreite. So sehr dies für die Relevanz seiner künstlerischen Position sprechen mag, so schwierig gestaltet sich doch der Versuch einer Überblicksausstellung.

Elegant gelöst hat dies das traditionsreiche Wiener Haus – das, nebenbei bemerkt, vor allem für seine graphische Sammlung berühmt ist und folglich geradezu prädestiniert für eine Kentridge Retrospektive – durch die Unterteilung in fünf Themenbereiche, die homogene Schaffensphasen markieren.
Der aufmerksame Besucher wird bald feststellen: Das Eigene ist bei Kentridge immer zugleich das Fremde, genauer Politische. Selbst seine Arbeit an der dramatischen Umsetzung von Dmitri Schostakowitschs Oper Die Nase, basierend auf einer Erzählung des russischen Autors Nikolai Gogol, geht weit über die ästhetische Betrachtung und Umsetzung der Vorlage hinaus. Vielmehr umfasst die daraus entstandene Werkgruppe neben der tatsächlichen Regiearbeit, aus der eine Aufführung an der Metropolitan Opera in New York hervorging, auch dreißig Kohlezeichnungen, Kostümentwürfe in Form von zauberhaften Miniaturpüppchen und die aus acht Fragmenten bestehende Installation mit dem Titel Ich bin es nicht, das ist nicht mein Pferd. Dabei dient die absurde Erzählung des Mannes, der seine Nase verliert, als Ausgangspunkt für eine filmische Interpretation des Aufstiegs und Falls der russischen Avantgarde. Exemplarisch gehen Collagen, die Assoziationen an Rodschenko wecken, scherenschnitthafte Aufmärsche unter kyrillischen Schriftzügen und holprige Sequenzen der Nase in Comicmanier eine raffinierte Verbindung ein. All das wird begleitet und mitunter überlagert von einer unangenehm dissonanten Musik, die im einen Moment wie ein Kriegsmarsch, im nächsten – vermeintlich – traditionell afrikanisch klingt.

Am Ende der Ausstellung macht man die Bekanntschaft mit Soho Eckstein und Felix Teitlebaum. Für Kentridge personifizieren sie die aktuellen gesellschaftlichen Zustände seines Heimatlandes und fungieren zugleich als Alter Ego des Künstlers, denn nach eigener Aussage finden sich Züge von ihm sowohl im gierigen Geschäftsmann Eckstein, als auch im sensiblen Träumer Teitlebaum. Kentridge beweist mit seinem 1989 initiierten Zyklus, zu dem neben den in Stop-Motion Technik entstandenen Filmen auch Zeichnungen gehören, erneut sein feines Gespür für gesellschaftliche Belange. Die vom Apartheid Regime geprägte Vergangenheit ist ihm dabei genauso ein Anliegen wie die noch immer von ethnischen Spannungen geprägte Gegenwart.

Bei dieser Bandbreite von Themen und Arbeitstechniken verwundert es nicht, dass man nach dem Rundgang durch die Ausstellung weit davon entfernt ist, Kentridge zu verstehen. Vielmehr hat man das Gefühl, eine Landkarte mit vielen weißen Flecken vor sich zu haben. Dass er dem Betrachter Einiges zumutet, bemerkt der Künstler denn auch selbst, wenn er im Hinblick auf seine Arbeit Ubu sagt die Wahrheit feststellt: „Die Figuren in der Prozession (...) müssen aktiv erkannt werden. Er [der Betrachter] muss diesen rohen Figuren Eigentümlichkeit verleihen.“
Es gibt noch viel zu entdecken.

Abbildung:
- William Kentridge "History of the Main Complaint" (Standfotos), 1996. Auf Video u?bertragener 35-mm-Animationsfilm, 5:50 Min., Sammlung des Künstlers, mit freundlicher Genehmigung der Marian Goodman Gallery, New York und der Goodman Gallery, Johannesburg; © 2010 William Kentridge; Foto: John Hodgkiss, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
- William Kentridge, Portage (Detail), 2000, Collage auf Buchseiten, 18 Tafeln, Sammlung des Künstlers, mit freundlicher Genehmigung der Marian Goodman Gallery, New York und der Goodman Gallery, Johannesburg; © 2010 William Kentridge; Foto: John Hodgkiss, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
- William Kentridge, Black Box/Chambre Noire, 2005, Theatermodell mit Zeichnungen (Kohle, Pastell, Collage und Buntstift auf Papier), mechanische Marionetten und auf Video u?bertragener 35-mm-Animationsfilm, 22 Min., Auftragsarbeit für die Deutsche Bank AG in Absprache mit der Solomon R. Guggenheim Foundation for Deutsche Guggenheim, Berlin; © 2010 William Kentridge; Foto: John Hodgkiss, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers


William Kentridge
Fünf Themen
Ausstellungsdauer: 29.10.10 - 30.1.11

Albertina
Albertinaplatz 1
1010 Wien
Täglich 10.00-18.00 Uhr, Mittwoch 10.00-21.00 Uhr



Eva Biringer



William Kentridge:


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