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B3 Biennale

Kasimir Malewitsch und der Suprematismus (Teil 2 / Feb 02)


Eingabedatum: 06.02.2003


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Zur Vorgeschichte der suprematistischen Malerei: Kasimir Malewitschs künstlerische Entwicklung im Vorfeld des Suprematismus (bis 1915) läßt sich in drei Hauptphasen gliedern: Primitivismus, Kubofuturismus und Alogismus.
Im Primitivismus von 1910 bis etwa 1912 entwickelte der Künstler einen Stil, dessen Charakteristika stark vereinfachte, flächige Formenelemente und eine expressive Farbgebung waren. Die Figuren weisen häufig schwarz geschwungene Linien zur Begrenzung ihrer äußeren Kontur auf; die Gesichter bleiben ohne individuellen Ausdruck. Kräftige Farben wie rot, blau, gelb und Mischfarben wie ocker oder grau-blau sind vorherrschend. Dabei bleiben die Einflüsse Cézannes, der Impressionisten und der Fauves spürbar. Die planimetrische Behandlung von Figur und Gegenstand bedingte, als weiteres typisches Merkmal dieser Phase, die Abkehr von der perspektivischen Raum- und Körperillusion. Inhaltlich bestimmten Alltagsszenen das Geschehen auf der Leinwand. Es entstanden Bilder wie z.B. "Badender"(1911), "Der Gärtner"(1911) oder "Pediküre"(1911).
Die Beziehung zwischen Farbe, Form und Inhalt sollte in den genannten Phasen immer wieder bewußt, mit jeweils verschiedenen Schwerpunkten, thematisiert werden.
Der Kubofuturismus (eine russische Abwandlung von französischen Kubismus und italienischen Futurismus) verstärkte im Gegensatz zum Primitivismus die Rückbesinnung auf traditionelle Ausdrucksformen der russischen Volkskunst. Gleichzeitig wurde die sich ändernde Situation der Bauern in ihrer Arbeitswelt dargestellt wie bspw. auf dem Bild die "Schnitterin"(1912). Die Vermischung von Elementen aus der Volkskunst mit zeitgenössisch künstlerischen Tendenzen veranschaulicht den Versuch, akademische Werte zu überwinden und dabei Kunst und Leben wieder miteinander zu verbinden.
Formal verwandte Malewitsch einfache, kubistisch orientierte Grundformen wie Kugel, Kegel und Zylinder zur Darstellung seiner Figuren und ihrer Umgebung. Die Farbe, jetzt häufig erdfarbene Töne, trat leicht zurück und diente verstärkt zur Hervorhebung der Plastizität. Auf vielen Bildern dieser Zeit zerlegte er die Fläche in ein facettenartiges Gebilde, in dem sich die Vielfalt der Erscheinungsformen summarisch charakterisiert spiegelte. Gleichzeitig greift Malewitsch auf andern Bildern dieser Zeit, z.B. "Schleifer", offensichtlich futuristisches Formenvokabular auf. Dabei nimmt er jedoch den futuristischen Anspruch auf Simultanität und Durchdringung der zu einem Motiv gehörenden Fragmente durch das alles umfassende Prinzip der Dynamik zugunsten einer Vereinfachung und Geometrisierung der Formen zurück.
Besonders in den Bühnenbild- und Kostümentwürfen, die der Künstler 1913 für die futuristische Oper "Sieg über die Sonne", entwickelte, wird deutlich, dass das Experimentieren im Hinblick auf die Geometrisierung der Formen in der Komposition, aber auch in der Darstellung des menschlichen Körpers, das Interesse des Künstlers immer stärker in seinen Bann zogen. 1915 schrieb er über die Phase des Kubofuturismus:
"..., im Kubofuturismus ist die Ganzheit der Dinge zerstört, sie wurde zerschlagen und zerstückelt;"
Dennoch folgte vor Malewitschs Hinwendung zum Suprematismus zunächst noch eine erneute Auseinandersetzung mit traditionellen Bildinhalten: die Phase der sogenannten alogischen Bilder. Hier stand das Aufbrechen tradierter Bildbedeutungen durch die alogische Gegenüberstellung von Zahlen, Buchstaben, Wortfragmenten und mimetisch wiedergegebenen Figuren und Dingen im Vordergrund. Bilder wie "Kuh und Violine" (1913) oder "Ein Engländer in Moskau"(1914) zeigen zudem einen äußerst ironischen und witzigen Umgang mit der abbildhaften Darstellung von Figur und Gegenstand. Es scheint fast als wolle der Künstler nochmals darauf hinweisen, dass es keinen Sinn mehr macht, sich der Realität durch Abbildung anzunähern.
Letztendlich läßt sich zur Vorgeschichte des Suprematismus sagen, dass die Verwerfung bekannter Kompositionsprinzipien, veranschaulicht durch das Nebeneinander und die kurze Abfolge verschiedener Stile sowie der Bruch mit der Logik des Bildinhaltes, Malewitsch den Weg zu einem radikalen Erkenntnisschritt eröffnete, der ihn die gegenstandslose Welt des Suprematismus finden ließ.

ch











Daten zu Kasimir Malewitsch:


- documenta 8, 1987

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Kunsthalle Bielefeld (10 / 02)


Als 1968 die Kunsthalle Bielefeld eingeweiht wurde, brauchte sie nicht lange auf einen ostwestfälischen Spitznamen zu warten: die Bezeichnung "Elefantenklo" schien dem neuesten Bauwerk des bekannten amerikanischen Architekten Philip C. Johnson als kurze Schmähung wie auf den Leib geschnitten.

Ungeachtet Johnsons Verdienste um die Fortführung der modernen Museumsarchitektur von New York bis Utica galt das Gebäude am Rande des mittelalterlichen Stadtrings als plump, überdimensioniert und unproportional.

Selbst der sonst so beliebte rote Sandstein als Fassadenverkleidung konnte die negative Stimmung in der Bevölkerung nicht besänftigen.

Das Museum beinhaltet fünf Geschosse, von denen zwei im Souterrain versteckt werden. Die Unterbringung von Nutzungen wie Café, Kunstbibliothek und museumspädagogischem Dienst in Zusammenhang mit einem Raumprogramm für die Präsentation der ständigen Sammlung und der Wechselausstellungen ist Ende der sechziger Jahre noch eine Seltenheit gewesen. Bielefeld bekam keine städtische Kunsthalle, sondern ein Kunst- und Kulturzentrum neuester Denkart und mit ihm den Flair von moderner Architektur.

Leider konnten selbst vehemente öffentliche Proteste in den sechziger Jahren nicht verhindern, dass die Kunsthalle den Beinamen "Richard Kaselowsky-Haus", nach dem Ziehvater des Hauptsponsors Rudolf August Oetker, bekam. Erst 1998 entschloss sich der Stadtrat, den Beinamen zu streichen und sich dem Stifter Oetker entgegen zu stellen. Die NS freundliche Haltung des Namensgebers hatte nun auch städtische Ohren erreicht und war damit untragbar geworden.

Trotz aller Widrigkeiten entstand ein Museum für internationale Kunst des XX. Jahrhunderts mit den Schwerpunkten Deutscher Expressionismus und Plastik des Kubismus. Die vorhandene Sammlung umfasst aber auch bekannte Werke der amerikanischen abstrakten und der zeitgenössischen deutschen Kunst.

Viermal im Jahr werden Wechselausstellungen präsentiert zumeist im ersten Stock, wobei das zweite Obergeschoss der ständigen Sammlung vorbehalten bleibt. Die unterschiedliche Belichtung der Stockwerke durch zum Teil großflächige Verglasung unten und indirekter Sonneneinstrahlung im Obergeschoss kann so flexibel - den ausgestellten Objekten entsprechend - eingesetzt werden.

Die einzelnen Räume im Inneren sind nur durch freistehende Wände aus dem roten Sandstein der Fassade von einander getrennt. Innen und Außen befinden sich durch die Verwendung desselben Materials in einem Wechselspiel. Es entstehen vertikale Räume mit Park auf der einen, Museum auf der anderen Seite und fließende Orte im Spannungsfeld dazwischen.

Auch wenn das obere Stockwerk ein bisschen zu hoch und damit zu schwer geraten ist, hat Johnson Bezüge mit so unterschiedlichen Zusammenhängen geschaffen ohne die Präsentation von Kunst erschweren. Im Gegenteil, es scheint kein Zufall zu sein, dass gerade an dieser Stelle überregional beachtete Ausstellungen ihren Ausgangspunkt hatten, zum Beispiel: Klaus Kinold, Fotograf, 1993; Picasso um 1905, 1999 oder Kasimir Malewitsch - das Spätwerk, 2000.

Die letzten vierzig Jahre haben allen Wogen geglättet. Viele Ausstellungen mit enormer Popularität und hervorragenden Kritiken sind durch das sonst kulturell eher stille Bielefeld gezogen. Es sind ausschließlich positive Bemerkungen zurückgeblieben und ein musealer Ansatz, der auch weniger Kunstinteressierte, häufiger ins Museum führt. Die Ostwestfalen sind still und zufrieden geworden, der Spitzname aber ist geblieben.


Aktuelle Ausstellung: Jeff Koons. Die Bilder 22.09.02 - 10.11.022

Öffnungszeiten: Di.+Do.+Fr.+So. 11.00-18.00 Uhr / Mi. 11.00-21.00 Uhr / Sa. 10.00-18.00 Uhr

Kunsthalle Bielefeld / Arthur-Ladebeck-Strasse 5 / 33602 Bielefeld / Tel.: 0521/32999500

kunsthalle-bielefeld.de

Kasimir Malewitsch und der Suprematismus (1.Teil / Jan 03)


Kasimir Malewitsch (1879-1935), der zu den führenden Künstlern der russischen Avantgarde des zweiten und dritten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts zählte, erreichte seinen künstlerischen Durchbruch sowie seine Anerkennung als Maler über die Grenzen Russlands hinaus durch seine suprematistischen Bilder. Kennzeichnend für diese Bilder ist eine geometrische Formensprache, die auf die Wiedergabe gegenständlicher Motive völlig verzichtet. Das bekannteste Bild dieser Phase ist ohne Frage das "Schwarze Quadrat", das der Künstler 1915 erstmals in einer Ausstellung präsentierte. Das neue Verständnis von Bildkonzeption verweist auf eine äußerst reduzierte, werkimmanente Struktur und bietet einen fast irreduziblen bildnerischen Sachverhalt.
Der Suprematismus, der nach den Worten Malewitschs Ausdruck eines "neuen malerischen Realismus" bzw. die Umschreibung für das gegenstandslose Schaffen ist, gehörte zu den avantgardistischen Bewegungen, die im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts überall in Europa entstanden und radikal die traditionellen Verständnismuster der Kunst in Frage stellten. Der vielfach bekundete Befreiungsakt von der abbildhaften Wiedergabe der Wirklichkeit findet sich dabei sowohl in den Manifesten beispielsweise der De Stijl-Gruppe als auch in den Schriften der Kubisten wieder. Über die bildnerischen Mittel und die ästhetisch-ideologische Intention gingen die Ansichten jedoch scharf auseinander. Die Vielgestaltigkeit der Sprach- und Bilderwelt ist Ausdruck dieser unterschiedlichen Ansätze.

Welche Reflexionen und künstlerischen Ideen dem Suprematismus zugrundeliegen, können Sie hier lesen.