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Christian Boltanski, "Résistance" und Gustav Metzger, "Travertin /Judenpech"

Interventionen in die Architektur:

ab 18. September 2015 | Haus der Kunst die Archiv Galerie, München
Eingabedatum: 17.09.2015

vorher: Christian Boltanski, "Résistance" und Gustav Metzger, "Travertin /Judenpech"

Im März 2014 hat das Haus der Kunst die Archiv Galerie als ständigen Ausstellungsort geschaffen. In der Archiv Galerie stehen der Öffentlichkeit in wechselnden Präsentationen Dokumente und Materialien zur Verfügung. In ihnen spiegelt sich die mehrmals veränderte Ausrichtung des Hauses seit seiner Planung 1933 bis zur Gegenwart.

Die neue Präsentation der Archiv Galerie im Haus der Kunst legt den Schwerpunkt auf Interventionen in die Architektur und den Umgang mit der Fassade des 1937 als „Haus der Deutschen Kunst" eröffneten Gebäudes.

Christian Boltanski und Gustav Metzger brachten ihre Ansicht über die Monumentalarchitektur des Gebäudes zum Ausdruck und erzählen in ihren Projekten "Résistance" (1993) bzw. "Travertin/Judenpech" (1999) von mutigen Akten des Widerstands und schmerzvollen Geschichten der Vertreibung. Die beiden Interventionen waren die ersten in einer Reihe von künstlerischen Eingriffen, die für die Fassade bzw. den Außenbereich des Gebäudes konzipiert wurden. Zwei Jahrzehnte nach ihrem Entstehen werden sie nun ein weiteres Mal realisiert. Mit der Reaktivierung bringt das Haus der Kunst sein Verständnis vom Archiv als dynamischer Speicher von Information und künstlerischen Ideen zum Ausdruck.

"Résistance" von Christian Boltanski

Im Winter 1993/1994 war diese Installation im Haus der Kunst zu sehen. Sie war Teil der von der Staatsgalerie moderner Kunst und Haus der Kunst gemeinschaftlich erarbeiteten Gruppenausstellung "Widerstand - Denkbilder für die Zukunft", mit der beide Institutionen gegenüber wachsenden nationalistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Tendenzen Stellung bezogen.

Christian Boltanskis Beitrag bestand in einer Plakatinstallation an der Fassade. Sie zeigte die Augenpaare ehemaliger Mitglieder der antifaschistischen Bewegung "Rote Kapelle". Dieses Netzwerk von Widerstandskämpfern bestand aus über 150 Männern und Frauen, die sich in voneinander unabhängigen Gruppen organisierten. Ihr Kampf gegen Hitler und sein Terrorregime reichte von Flugblatt- und Klebezettelaktionen zur Kontaktaufnahme mit sowjetischen Nachrichtendiensten und amerikanischer Botschaft bis zur Spionage.

Der Name "Rote Kapelle" stammt von der Gestapo. Er ist von der Geheimdienst-Bezeichnung "Pianist" für einen Funker und "Kapelle" für mehrere "Pianisten" abgeleitet. Von Herbst 1942 bis Frühjahr 1943 wurden über hundert Mitglieder der sogenannten Roten Kapelle festgenommen und zum Tod oder zu Haftstrafen verurteilt. Nach 1945 divergierten die Nachkriegs-Ideologien: Die BRD distanzierte sich von den Mitgliedern der Roten Kapelle und diskreditierte sie als kommunistische Spione und Verräter, in der DDR wurden sie als kommunistische Helden gegen den Faschismus instrumentalisiert. Nach der Wiedervereinigung wurde das Bild der Roten Kapelle revidiert, und die Mitglieder erhielten ihre individuellen Biografien zurück. Der Künstler erinnert mit den Augenpaaren von "Résistance" an diejenigen, die dem NS-Regime Widerstand leisteten und damit ihr Leben gefährdeten.

"Travertin/Judenpech" von Gustav Metzger

Für die Kunstgeschichtsschreibung unter nationalsozialistischer Herrschaft interessierte sich Gustav Metzger bereits seit Mitte der 1970er-Jahre. 1975 veröffentlichte er den Artikel "Art in Germany Under National Socialism" ("Kunst in Deutschland unter dem Nationalsozialismus") und kündigte darin eine Konferenz zu diesem Thema an, die er noch im gleichen Jahr in London realisierte.

Im März 1999 bedeckte Gustav Metzger den Boden der 105 Meter langen Säulenhalle vor dem Haus der Kunst mit Teer. Er gab dieser Installation den Titel "Travertin/Judenpech". "Judenpech" war seit der Antike eine Bezeichnung für Asphalt. Travertin war ein bevorzugter Werkstoff für Großbauten der Nationalsozialisten, z.B. das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Diese Querverbindung hat Gustav Metzger interessiert.

Die Installation reflektiert Metzgers eigene traumatische Erfahrungen unter dem NS-Regime und stellt eine Beziehung zwischen Hitlers Größenwahn und menschlicher Erniedrigung her. Gustav Metzger wurde 1926 als Sohn orthodoxer Juden in Nürnberg geboren und überlebte den Holocaust dank dem "Kindertransport", mit dem er 1939 nach London geschickt wurde. Seine Eltern sah er nie wieder. Dieses Trauma prägte sein Leben und seine Kunst.

"Travertin/Judenpech" war im Rahmen der Gruppenausstellung "Dream City" entstanden, die vom Kunstraum München, dem Kunstverein München, der Villa Stuck und dem Siemens Kulturprogramm ausgerichtet wurde. Es war Gustav Metzgers ausdrücklicher Wunsch, seine Installation vor dem Haupteingang des Haus der Kunst zu platzieren. Vom Haus der Kunst erneut zur Zusammenarbeit eingeladen, entschied sich der Künstler bewusst für diese Wiederholung.

Beide Interventionen sind dem lebhaften urbanen Raum der Stadt zugewandt. Sie erweitern das dynamische Konzept der Archiv Galerie, deren Exponate jährlich in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern neu arrangiert werden, auch räumlich.

Archiv Galerie 2015

Für die neue Präsentation ab 18. September 2015 wurden Zeichnungen aus den 1960er-Jahren ausgewählt. Damals wurden Vorschläge diskutiert, die Säulen vor der Fassade zur Straßenseite und die Freitreppe vor dem Haus der Kunst zu entfernen. Hierfür wurde städtebaulich mit dem Ausbau des Altstadtrings Nord argumentiert. Der Landesbaukunst-Ausschuss plädierte sogar für einen vollständigen Abriss des Hauses. Man nahm daran Anstoß, dass es die Zeit des ideologischen Missbrauchs (1937 bis 1944) äußerlich weitgehend unbeschadet überdauert hatte, und wollte das Gebäude aus dem Stadtbild tilgen - obwohl es seit 1955 längst ein international renommierter Ort der Begegnung mit Kunst der Moderne und der Gegenwart war.

Seit Mitte der 1990er-Jahre hat das Haus regelmäßig Künstler zu einer Intervention in die Architektur des Gebäudes eingeladen. Die Künstler haben sich überwiegend mit charakteristischen Elementen wie der Fassade oder der Mittelhalle (der ehemaligen Ehrenhalle) beschäftigt. Mit ihren Beiträgen haben sie einprägsame neue Erzählstränge zwischen Erinnerung und zeitgenössischer Kunst geknüpft.

Stiftung Haus der Kunst München
Prinzregentenstraße 1
80538 München
hausderkunst.de

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