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„Ich kann damit leben, keine Lösung zu finden“

August 2026 | Salzburg

Eingabedatum: 31.07.2026

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Sean Scully, To Feel, exhibition views, Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2026. © Sean Scully. Photo: Simon Veres. 
Anlässlich seiner Ausstellung To Feel in der Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg nimmt sich Sean Scully Zeit für ein Interview. Der irische Künstler gibt sich gut gelaunt und schlagfertig. Ausgehend von neuen Arbeiten der Serie Wall of Light erzählt er von prägenden Einflüssen seiner Kindheit, von Verlust und Erinnerung, von der emotionalen Kraft abstrakter Malerei, von seiner Liebe zu Europa – und von der Einsicht, dass manche Fragen für ihn unbeantwortet bleiben dürfen.

Frank Lassak: Wir sitzen vor Ihrem Gemälde La Grande Mer, an dem Sie drei Jahre gearbeitet haben. Wie viel von der ersten Fassung ist heute noch sichtbar, Sean?

Sean Scully: Ursprünglich war das Bild farbiger. Nur der grüne Balken stammt noch aus der ersten Fassung. Und dieser grüne Balken definiert das Werk. In gewisser Weise geht es in La Grande Mer also um Verlust – um den Verlust der Vergangenheit.

Lassak: Ist der Verlust nur in diesem Werk sichtbar, oder ist er Teil aller Gemälde, die Sie hier zeigen?

Scully: Alle Arbeiten beschäftigen sich mit ihrer eigenen Archäologie, ihrer eigenen Erzählung, ihrem eigenen Verlust. Wenn ich etwas überdecke, mache ich es unzugänglich. Und hoffentlich erzeuge ich damit ein Gefühl von Sehnsucht.

Lassak: Im Katalog werden die Arbeiten als besondere Form des Selbstporträts beschrieben, bisweilen sogar als Seismografen Ihrer Gemütsverfassung. Wie findet diese innere Verfassung Eingang in ein abstraktes Werk?

Scully: Ein Gemälde – besonders eines von diesen – ist eine emotionale Arena. Ich habe lange Zeit konstruktive Bilder gemalt, in denen die Emotion mit der Realität kollidierte. Die neuen Bilder lösen sich davon. Sie lösen sich vom Realitätsschock und bewegen sich hin zu reiner Bildhaftigkeit. Etwas altmodisch, könnte man sagen.

Lassak: Was macht sie bildhaft?

Scully: Sie sind figurativ, weil sich eine Geschichte zwischen Hintergrund und Vordergrund entfaltet. Wenn man nur farbige Balken zusammensetzt, erhält man ein Muster, das interessant sein kann. Die Möglichkeiten sind ja endlos, wie bei Lego. Man kann dies hierhin setzen, jenes verändern und immer so weitermachen. Doch das ist reine Improvisation – ohne emotionales Gewicht.

Lassak: Ist der Verlust der Vergangenheit, von dem Sie sprechen, eine Bedingung des Menschseins?

Scully: Auf jeden Fall! Man verliert seine Freunde, seine Kindheit, seine Familie, geliebte Menschen. Wir alle sind Verlierer und müssen damit umgehen – darüber hat auch Marcel Proust geschrieben. Freilich geht nicht alles verloren, das uns umgibt. Einem Gebäude etwa kann man die Erinnerung nicht nehmen. Wie in dem Film Poltergeist: Wenn in einem Haus etwas geschehen ist, wird man das nicht mehr los. In Strukturen bleibt Erinnerung bewahrt. Ich sehe Gebäude als Zeugen. Als ich vor vielen Jahren in Italien war, fotografierte ich zuerst alte Holztüren in Siena. Alle anderen gingen auf den berühmten Platz. Ich streifte durch die Seitenstraßen und fotografierte Türen, weil in diese Türen wiederum Türen eingelassen waren. Ich sah sie als Zeugen. All die Menschen, die durch sie hindurchgingen – die Türen hätten sie gekannt. Material hat ein Gedächtnis. Auch in diesen Bildern gibt es Erinnerung, Verlust und Überdeckung. Sie bestehen aus Schichten. Einige meiner Kollegen in Amerika, die, sagen wir, ähnliche Arbeiten machen, malen eher flach. Sie mögen den Augenblick einfangen, doch der Augenblick fängt auch ihr Werk ein.

Lassak: Was versuchen Sie stattdessen zu erschaffen? Resiliente Bilder?

Scully: Etwas Ewiges, etwas, das nicht auf den Augenblick beschränkt ist. Resilienz ist eine passende Bezeichnung dafür. Kunst, die ganz und gar ihrer Zeit angehört, gehört leider auch nur ihrer Zeit an.

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Sean Scully, Wall of Light Pink Blue, 2025 Öl auf Leinen. 121,9 × 106,7 cm (48 × 42 in)

Lassak: Dieser Widerstand gegen den Augenblick scheint auch Ihren Arbeitsprozess zu prägen. Wie entstand Wall of Light?

Scully: Vor Jahren malte ich am Strand von Zihuatanejo ein kleines Aquarell. Ich betrachtete all die Tempel und Ruinen – las ruinas – in Mexiko und schrieb Wall of Light darunter. Dann parkte ich es für später, was ich oft mache. Viele Jahre danach, 1997, arbeitete ich an einem Gemälde und begann, die Farben innerhalb der Struktur zu verändern. Plötzlich sagte meine Frau: „Schau, das ist dasselbe wie dieses kleine Aquarell aus Mexiko.“ So begann die Serie Wall of Light.

Lassak: Warum musste die Idee warten?

Scully: Ich habe ein seltsames Verhältnis zur Zeit, denn ich habe es nie eilig und empfinde keinen Drang, etwas zu tun, bevor seine Zeit gekommen ist. Ich mariniere Ideen, lasse sie garen, bis ihre Umsetzung notwendig erscheint.

Lassak: Wall of Light begleitet Sie seit fast drei Jahrzehnten. Was machte es jetzt notwendig, sich erneut damit zu befassen?

Scully: Ich denke, es ist wie beim Atmen: Man atmet ein und aus. Wohlgemerkt, in einem Künstlerleben sind das lange Atemzüge. Die neuen Bilder sind formal nicht innovativ, aber die malerische Ausführung ist expressiver. Ich bewege mich hin zu einer expressiveren, man könnte sagen europäischeren Art der Malerei.

Lassak: Bezieht sich der Ausstellungstitel To Feel auf diese Bewegung hin zu mehr Expressivität?

Scully: Ich habe das Fühlen in den Minimalismus integriert und ihn zum europäischen Humanismus zurückgeführt. Der Minimalismus hatte sich meiner Ansicht nach von Europa und der europäischen Angst, vom Suprematismus, Konstruktivismus sehr weit entfernt und die Kunst in eine offene Kultur mit großen Räumen geführt. Ich habe diesen Prozess umgekehrt. Im Grunde mache ich das schon mein ganzes Leben lang.

Lassak: Wenn Sie vom europäischen Humanismus sprechen: La Grande Mer enthält auch eine spezifisch französische Erinnerung. Woher stammt sie?

Scully: Als ich elf war, lief auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in unserer Wohnung in einem Arbeiterviertel im Süden Londons der Film Moulin Rouge mit José Ferrer als Henri de Toulouse-Lautrec. Dieser Film brannte mir förmlich ein Loch ins Gehirn. Er hat mich ungemein geprägt. Ich würde daher sagen: Meine Wiege ist die französische Malerei, gepaart mit dem deutschen Expressionismus.

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Sean Scully, To Feel, exhibition views, Thaddaeus Ropac Salzburg Villa Kast, 2026. © Sean Scully. Photo: Simon Veres. 

Lassak: Was hat Ihnen die französische Malerei gegeben?

Scully: Sie lehrte mich in erster Linie Intentionalität. In Paris wurde damals die Art, wie ein Gemälde gemacht war, zu dem, was das Gemälde ausmachte. Das Motiv wurde zum System. Die extremsten Beispiele sind Seurat und Signac. Natürlich ist in La Grande Mer auch etwas von Vuillard zu erkennen, weil der Hintergrund den Vordergrund beeinflusst.

Lassak: Der deutsche Expressionismus scheint am entgegengesetzten Ende des Spektrums zu stehen. Was fanden Sie dort?

Scully: Französische Malerei und deutscher Expressionismus liegen meilenweit auseinander, entstanden aber in einem ähnlichen historischen Moment: als die figurative Malerei die Emotion der Kunst nicht mehr tragen konnte und an Bedeutung verlor. Am deutschen Expressionismus liebe ich, dass er so verrückt war – Menschen mit Gesichtern in falschen Farben. Bevor ich diese Bilder zum ersten Mal sah, malte ich Porträts, zeichnete wie Lucian Freud, in der Tradition der School of London. Dann sah ich den deutschen Expressionismus und fragte mich: Wie konnte man bloß so malen?

Lassak: Deutschland wurde später ebenso Teil Ihres Lebens wie Ihres künstlerischen Schaffens. Wie kam es dazu?

Scully: Seit 20 Jahren habe ich ein Atelier in München auf dem Bosch-Areal und unterrichtete auch in der Stadt. Noch heute arbeite ich gelegentlich dort. Das hat meine Beziehung zu Europa vertieft. Interessant ist: Ich bin in London aufgewachsen, aber ich bin Ire, und es hat mich sofort auf den Kontinent gezogen.

Lassak: Was bedeutet Europa für Sie?

Scully: Ich habe mich immer zwischen Europa – seinem Bedauern, seiner Tiefe, seiner Emotionalität und Poesie – und Amerika mit seiner Offenheit und seinem Pragmatismus bewegt. Im Moment stehe ich der europäischen Geisteshaltung näher. Ich bin geradezu in die Idee Europas verliebt.

Lassak: Hat sich diese Verbundenheit mit Europa verstärkt, seit Donald Trump Präsident ist?

Scully: Ich glaube nicht, dass ich Europa mehr lieben könnte, als ich es ohnehin tue. Trump ist ein vorübergehendes Ärgernis, das auf dem Müllhaufen der Geschichte landen wird. Er ist das Ergebnis einer Reihe von Umständen, die zusammenkamen und es diesem eitlen, narzisstischen Großmaul ermöglichten, an die Macht zu gelangen. Solche Leute kommen und gehen. Ich halte nichts von Trump, außer dass er ein Möchtegern-Faschist ist. In Amerika gilt nach wie vor der Rechtsstaat, und daran prallt er immer wieder ab. Die USA sind ein junges Land, das gerade noch dabei ist, sein eigenes Reservoir an Bedauern aufzubauen.

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Porträt von Sean Scully, 2026, Foto: Faye Flemming

Lassak: Wie verbinden sich die europäischen und amerikanischen Einflüsse in Ihnen?

Scully: Meine Wurzeln sind sehr europäisch. Mein Ehrgeiz ist amerikanisch. Und beides zusammen bringt etwas hervor.

Lassak: Als Sie Mitte der 1970er Jahre nach New York gingen, hatten Sie den Eindruck, Hard Edge und verwandte Positionen hätten ihre emotionale Kraft verloren. Wie hat sich die US-Kunstwelt seither verändert?

Scully: Die heutige Kunstlandschaft unterscheidet sich stark von jener der 1970er Jahre. Sie ist viel komplexer. Heute kann man in den USA keine Galerie mehr führen, ohne europäische Künstler, Latino-Künstler, Künstler aus Minderheiten oder Werke von Künstlerinnen zu zeigen. Vor 50 Jahren ging das durchaus noch. Allgemein gesprochen ist die Kunst viel emotionaler geworden. Ich greife das in meiner Malerei auf. Klar ist, dass Konzeptkunst nie weniger geschätzt wurde als heute. Figurative Kunst dagegen ist mit Macht zurückgekehrt, da die Moderne und Postmoderne zusammengebrochen sind. Interessanterweise fand meine Kunst immer ihr Publikum, weil sie sich zwischen diesen beiden Welten bewegen kann. Man kann mich in eine Ausstellung mit figurativer Kunst aufnehmen. Man kann mich in eine Ausstellung expressionistischer Malerei aufnehmen – so wie man Mark Rothko in Ausstellungen zeigen könnte, in denen es nicht unbedingt um Geometrie geht.

Lassak: Wie nah fühlen Sie sich Rothko?

Scully: Ich fühle mich Rothko ziemlich nah, weil er für mich der eine andere abstrakte Künstler ist, der sich mit diesem Problem auseinandergesetzt hat. Er war derjenige, der am ehesten eine Lösung fand oder das Problem zumindest in sein Werk aufnahm. Die Unterschiede liegen allerdings auf der Hand. In meiner Arbeit steckt viel Zeichnung, die seiner fehlt, und seine Arbeit ist meditativer. Aber sie enthält Romantik – wie meine auch. Ich bin ein sehr romantischer, sentimentaler, poetischer Mensch.

Lassak: Gibt es ein Pendant in der Musik?

Scully: Ich würde Arvo Pärt nennen, weil wir in gewisser Weise dasselbe getan haben. Auch in seinem Werk geht es um Verlust. Er ist im selben Maß vom Minimalismus beeinflusst wie ich, und wir beide haben die Tyrannei des Minimalismus in etwa gleichem Maße zurückgewiesen.

Lassak: Gelangt Musik über eine Art Synästhesie in Ihren Umgang mit Farbe?

Scully: Nein, so arbeite ich nicht. Und ich denke überhaupt nicht über Farbe nach. Eines Abends fragte mich jemand beim Essen: „Wie entstehen Ihre Farben? Wie entscheiden Sie?“ Tatsächlich entscheide ich gar nicht. Ich antwortete scherzhaft: „Das ist eine Gabe Gottes.“ Dann hob ich die Arme und sagte: „Danke, Jesus.“

Lassak: Sie scherzen über Gott – und über Rothko.

Scully: Ich bin ein ziemlich lustiger Typ. Ich bin viel lustiger als Rothko, der sich selbst in eine Ecke gemalt hat. Das ist das Problem. Man darf sich nicht in eine Ecke malen, das führt zu Depressionen.

Lassak: Was bewahrt Ihr eigenes Werk davor, in einer Ecke gefangen zu sein?

Scully: Meine Arbeiten haben offene Rahmen. Ich stoße an die Kante.

Lassak: Haben Sie je befürchtet, dass sich Ihre Arbeit verändern könnte, wenn Sie Ihre Gefühle zu genau untersuchen?

Scully: Die Frage erinnert mich an David Lynch, der einmal einen Psychiater fragte, ob eine Psychoanalyse seine Arbeit verändern würde. Als der Psychiater Ja sagte, stand Lynch auf und ging. Nach dem Tod meines Sohnes habe ich Erfahrungen mit Psychoanalyse gemacht – und auch mit Religion. Gelernt habe ich daraus vor allem eines: Ich kann nur einem Gott dienen. Und mein Gott ist die Kunst.

Lassak: Gleichwohl sind Sie religiös. Wie lassen sich die Positionen miteinander vereinbaren?

Scully: Es ist eine sehr interessante, organische Erfahrung. Ich bin im Grunde religiös und glaube, dass der Mensch eine Seele hat. Ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube, ist eine andere Frage. Vielleicht ist es so am Dienstag, am Mittwoch aber nicht. Da bin ich unentschlossen. Doch ich glaube, dass die Seele alles ist, was wir besitzen.

Lassak: Bietet die Vorstellung endloser Erneuerung eine Lösung für den Verlust, den Sie eingangs beschrieben hatten?

Scully: Nicht wirklich. Wir sind mit Verlust konfrontiert und können nichts festhalten. Ich finde keine Lösung – und kann damit leben.

Frank Lassak


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