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Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource

26.07. - 08.11.2026 | Kunsthaus Kaufbeuren

Eingabedatum: 25.07.2026

Werkabbildung
Abb.: Ohne Titel, 2022, Teil der Arbeit "Weiche Knie", 2021–Fortlaufend, Julia Lübbecke / VG Bildkunst 2026
Julia Lübbeckes Werkreihen beschäftigen sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Darstellung weiblich konnotierter Arbeit, der historischen Kontinuität institutioneller Gewalt in der Medizin und dem andauernden Kampf um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Für die Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren erweitert sie ihre Arbeiten um den Zusammenhang von Menschenwürde und Arbeit und die damit einhergehende Abwertung und Stigmatisierung von Arbeitsunfähigkeit. Julia Lübbecke recherchiert in Archiven und Bibliotheken und befragt Originalmaterialien und Reproduktionen kritisch daraufhin, wie sich Machtverhältnisse sowohl in Archivsammlungen als auch in Körper einschreiben. Ihr Interesse gilt insbesondere dem Verhältnis zwischen dem Informationsgehalt einerseits und der emotionalen oder auch affektiven Dimensionen von Wissen andererseits. Ihre Recherchen bilden den Ausgang für skulpturale Installationen, Fotografie, Texte und Videoarbeiten. „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource“ ist Julia Lübbeckes erste institutionelle Einzelausstellung in Süddeutschland und zeigt die drei fortlaufenden Werkreihen „Kleber und Falten“, „Weiche Knie“ und „Slight Discomfort“ erstmals gemeinsam. Die Künstlerin entwickelt ihre Installationen weiter und adaptiert sie spezifisch für das Kunsthaus, sodass thematische Zusammenhänge und gegenseitige Bezüge im Ausstellungsraum erfahrbar werden.

Die Werkserie „Kleber und Falten“ (seit 2023 fortlaufend) befasst sich mit der Materialität und Haptik in Archiven politischer Bewegungen. In den dort versammelten Archivalien über die Kämpfe um das Recht auf Abtreibung, Kinderbetreuung oder faire Löhne spiegeln sich die prekären Bedingungen, unter denen die Bewegungen arbeiten und ihre Geschichte dokumentieren, wider – in Form von Sonneneinstrahlung, Schweißablagerung oder Materialrückständen. Diese Verschränkung von Materialien und politischen Kämpfen sowie die eigene körperliche Präsenz im Archiv übersetzt Julia Lübbecke in eine raumgreifende Konstruktion in Form eines begehbaren Leporellos, in dem fotografisch-skulpturale Arbeiten eingespannt, hängend oder liegend gezeigt werden.

Die Installation „Weiche Knie“ (seit 2021 fortlaufend) beschäftigt sich mit widerständigem Wissen und Praktiken der Selbsthilfe. Sie umfasst eigene Fotografien der Künstlerin von zwischenmenschlichen Gesten als auch Material aus Recherchen in queer*feministischen Archiven. In diesen sind die historische Kontinuität von Gewalt im Zusammenhang mit institutioneller Fürsorge ebenso dokumentiert wie widerständige Praxen; so zum Beispiel die ersten feministischen Gesundheitszentren der 1970er Jahre, Erste-Hilfe-Handbücher zum Umgang mit Polizeigewalt oder Ratgeber zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften.

In der Video-Lecture-Serie „Slight Discomfort“ (seit 2017 fortlaufend) stellt der eigene Computerbildschirm oder Desktop als subjektives Interface den Ausgangspunkt dar. Mittels Bildschirmaufzeichnungen reflektiert Julia Lübbecke das Suchen und Generieren von Wissen und Erzählungen. Die Serie beschäftigt sich mit neoliberalen Auswüchsen wie Ivanka Trump’s #womenwhowork, Kathy Ackers Begeisterung für das Fragmentieren von Körpern, McKenzie Warks Analyse des Cis Gaze oder Jack Halberstams Untersuchungen dazu, wie die Morphologie des eigenen Körpers beeinflusst, welche Räume wir benutzen (dürfen). Dabei prägen Fehler, Interruptionen und Inkongruenzen den Schnitt und die visuelle Komposition der Lectures. Inwiefern können solche Glitches andere Orte, Bewegungen und Blickrichtungen schaffen, in denen normative Körperpolitiken unterwandert, verweigert und verlernt werden?

Mit „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource“ zeigt das Kunsthaus Kaufbeuren im [Saal] die erste Einzelausstellung der Künstlerin Julia Lübbecke im süddeutschen Raum. Ihre skulpturalen Installationen integrieren Archivmaterialen, Fotografie, Text, Objekte und Video mit einem thematischen Fokus auf Wechselwirkungen zwischen Archiv, Wissen, Macht und Emotion und stellen aktuelle Fragen danach, wie der Wert von Menschen mit ihrer Arbeitsfähigkeit in Zusammenhang gebracht wird. Im [Speicher] erzählt Nicola Reiter mit ihrem Langzeitprojekt „Aftərmähdag“ vom Wandel der Landwirtschaft im Oberallgäu. In der zweiten Phase fügt sie nach und nach neue Interviews über das Aufhören und Weitermachen und Portraits von Landwirt*innen der jüngeren Generation hinzu. Im [Foyer] zeigt „KinderKunstNatur“ die Ergebnisse des Projekts „experiment:KUNST“. Kinder und Jugendliche haben in Kooperation mit der Jugendkunstschule querKUNST das Kunsthaus erkundet und daraus eine eigene Installation rund um Natur, Umwelt und Wahrnehmung entwickelt.

26.07. - 08.11.2026
Kunsthaus Kaufbeuren

Spitaltor 2, 87600 Kaufbeuren

https://www.kunsthaus-kaufbeuren.de

Presse

Kontext

Einordnung:
Julia Lübbeckes Werk verortet sich an der Schnittstelle von queer-feministischer Institutionskritik und dem zeitgenössischen *Archival Turn*. Indem sie die Materialität und Haptik historischer Dokumente – etwa der Frauen- und Gesundheitsbewegungen der 1970er Jahre – in raumgreifende, fotografisch-skulpturale Installationen wie begehbare Leporellos übersetzt, macht sie die affektiven Dimensionen von Sorgearbeit und institutioneller Gewalt räumlich erfahrbar. Thematisch knüpft sie an biopolitische Diskurse an, die den Körper als von neoliberaler Verwertungslogik erschöpfte Ressource begreifen. Medial verschränkt Lübbecke diese analoge Spurensuche mit postdigitaler Ästhetik: Ihre als „Desktop-Documentaries“ konzipierten Videoarbeiten nutzen den digitalen Glitch als subversives Werkzeug gegen normative Körperpolitiken und reihen sich damit in den aktuellen *Glitch Feminism* ein. Flankiert von Nicola Reiters dokumentarischem Oral-History-Projekt zum landwirtschaftlichen Strukturwandel und einer partizipativen Jugendinstallation, verdichtet sich das Ausstellungskonzept zu einer vielschichtigen Untersuchung von prekärer Arbeit, Archivmacht und widerständigem somatischen Wissen in der Gegenwartskunst.
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