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RADIKAL. REAL.

Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre

03.07.2026 - 11.10.2026 | Kunsthalle Mannheim, Mannheim

Eingabedatum: 03.07.2026

Werkabbildung
Abb.:Arman, White, Orchid, 1963, Museum für Moderne Kunst, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Axel Schneider Frankfurt am Main.
Die Kunsthalle Mannheim widmet dem Nouveau Réalisme und seinem internationalen Umfeld in den Sommermonaten die größte Sonderausstellung in Deutschland seit mehr als 15 Jahren. Mit rund 150 Werken von Künstler*innen wie Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Yves Klein, Christo, Jean Tinguely, Arman und César zeichnet die Ausstellung einen umfassenden Überblick über jene Kunstbewegung nach, die ab den 1960er Jahren die Wirklichkeit selbst zum Material der Kunst machte.

Mehr als 60 Jahre nach der Unterzeichnung der „Déclaration constitutive du Nouveau Réalisme“ am 27. Oktober 1960 in Paris erscheint die Gruppe um den französischen Kunstkritiker Pierre Restany heute mehr denn je als Teil eines internationalen künstlerischen Phänomens. Ihre Arbeiten reagierten auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit mit neuen, radikalen Ausdrucksformen – in ganz Europa, den USA und Lateinamerika machte eine Generation von Künstler*innen die Realität selbst zum Thema und Material ihrer Kunst.

Ausgehend von bedeutenden Arbeiten aus der eigenen Sammlung spannt „RADIKAL. REAL.“ einen Bogen von der Entstehung der Konsumgesellschaft ab den 1950er bis in die frühen 1970er Jahre und fragt zugleich nach der Aktualität dieser künstlerischen Positionen. Im Dialog mit den Nouveaux Réalistes präsentiert die Ausstellung zudem Arbeiten von Künstler*innen wie Jasper Johns, Alina Szapocznikow, Tetsumi Kudo, Chryssa und Feliza Bursztyn. Ihre Werke zeigen, wie international und vielschichtig die Suche nach neuen künstlerischen Sprachen in dieser Zeit war. Gleichzeitig beleuchtet die Ausstellung kritisch die Verbindungen und Gegensätze zwischen Nouveau Réalisme und Pop Art.

Im Zentrum steht die moderne Großstadt: ein Ort permanenter Veränderung, geprägt von Konsum, Werbung, Verkehr und wachsender Beschleunigung. Die Straßen werden zum Materiallager der Künstler*innen: Während die Affichisten Plakate von Wänden abreißen und deren zerrissene Oberflächen sichtbar machen, sammeln, akkumulieren, komprimieren oder fixieren andere Künstler*innen Gegenstände des Alltags. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, werden diese Objekte zu Zeugnissen ihrer Zeit: Sie hinterfragen die Wahrnehmung der Dinge und machen die Realität der modernen Konsumgesellschaft unmittelbar erfahrbar.

Der Körper wird dabei zu einem zentralen Thema: Yves Kleins „Anthropometrien“, Césars „Expansionen“ oder die assemblierten Skulpturen von Alina Szapocznikow reflektieren das spannungsreiche Verhältnis von Realität und Darstellung. Weiterhin wird Kunst zu Aktion und Spektakel. Die Zerstörung von Objekten – etwa des Autos in Armans „White Orchid“ – oder die Schießaktionen von Niki de Saint Phalle überbrücken nicht nur die Distanz zwischen Kunst und Leben, sondern gelten auch sie als politische Geste innerhalb einer Gesellschaft im Wandel.

Mit Gemälden, Skulpturen, Installationen und Arbeiten auf Papier, im Dialog mit Archivdokumenten, Fotografien und Videoaufnahmen von Performances und Aktionen macht „RADIKAL. REAL.“ die Sprengkraft des Nouveau Réalisme neu erfahrbar – und zeigt eine Kunst, deren Fragen an Konsum, Medien und Wirklichkeit heute aktueller denn je erscheinen.

„Mit der Ausstellung „RADIKAL. REAL. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ zeigt die Kunsthalle Mannheim den Nouveau Réalisme als internationales, weit verzweigtes Netzwerk, in dem Künstler und Künstlerinnen durch die Auseinandersetzung mit der Realität neue und oft radikale Ausdrucksformen entwickelten. Die Bewegung nun nach der letzten großen Ausstellung in Deutschland vor 15 Jahren wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, ist ganz im Sinne des Stifters Ernst von Siemens, der einen breiten Zugang zu Kunst und Kultur fördern wollte“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung und Förderer der Ausstellung.

03.07.2026 - 11.10.2026
Kunsthalle Mannheim, Mannheim

Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim

https://www.kuma.art/de

Presse

Kontext

Einordnung:
Der Nouveau Réalisme markiert einen zentralen Paradigmenwechsel der Nachkriegskunst, bei dem die Realität der urbanen Konsumgesellschaft nicht länger abgebildet, sondern als materieller Rohstoff direkt angeeignet wird. Durch Techniken wie die Décollage der Affichisten, die Akkumulationen und Kompressionen von Arman und César sowie performative Zerstörungsakte wie bei Niki de Saint Phalle emanzipiert sich der Alltagsgegenstand zur gesellschaftskritischen Spur. Im größeren kunsthistorischen Kontext fungiert die Bewegung als raues, aktionistisches Pendant zur oft distanzierteren US-amerikanischen Pop Art, was durch den Dialog mit internationalen Positionen wie Jasper Johns oder Alina Szapocznikow deutlich wird. Indem zudem der Körper – wie in Yves Kleins Anthropometrien – und das Spektakel ins Zentrum rücken, sprengt die Gruppe den klassischen Werkbegriff. Damit bildet der Nouveau Réalisme ein essenzielles Scharnier zwischen der historischen Avantgarde (Dada) und der aufkommenden Performance- und Konzeptkunst, deren konsum- und medienkritische Brisanz bis in die Gegenwart nachhallt.
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